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DMK 1
VorlesungSoSe 26Wissenschaftliches ArbeitenSemiotikOnline-KommunikationEmpirische MethodenWissenschaftliche Sprache

Wissenschaftliches Arbeiten

06. Mai 2026DMK 1

Zusammenfassung

Diese Vorlesung gliedert sich in zwei Teile: eine Wiederholung der Grundlagen zu Online-Kommunikation (Individualkommunikation, Sender-Empfänger-Modell, Semiotik, computervermittelte Kommunikation) und den ersten Wissenschafts-Exkurs zu wissenschaftlichem Arbeiten. Im Hauptteil wird geklärt, was Wissenschaft ist, welche Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen gestellt werden, welche Arten wissenschaftlicher Arbeiten existieren und wie deren Qualität beurteilt wird. Zudem werden wissenschaftliche Quellen, wissenschaftliche Sprache, das Konzept der wissenschaftlichen Redlichkeit sowie ein Ausblick auf empirische Methoden (Induktion, Deduktion, Primär- und Sekundäranalyse) behandelt.

Schlüsselbegriffe

Semiotik

Die Wissenschaft bzw. Lehre der Zeichen und Zeichensysteme. Zeichen (Icons, Symbole, Schrift) vermitteln Bedeutung und ermöglichen Kommunikation. Begründet u.a. durch Ferdinand de Saussure.

Semiotisches Dreieck

Modell der Zeichenvermittlung mit drei Ecken: Ding (der reale Gegenstand), Begriff (die Vorstellung/das Bild davon) und Symbol (das Wort/Zeichen dafür). Alle drei müssen klar und eindeutig zusammenpassen.

Computervermittelte Kommunikation (cvK)

Alle kommunikativen, sozialen Austauschprozesse, die durch einen Computer als vermittelndes technisches Medium stattfinden. Gekennzeichnet durch fünf Spezifika nach Misoch: Entkörperlichung, Textualität, Entzeitlichung & Enträumlichung, Entkontextualisierung und Digitalisierung.

Individualkommunikation

Kommunikation zwischen zwei oder wenigen bekannten Personen, bei der der Informationsfluss bidirektional verläuft — alle Teilnehmer*innen sind zugleich Sender und Empfänger.

Wissenschaftliches Arbeiten

Planvolles Vorgehen zur Generierung neuen Wissens, das umfasst: Zugriff auf vorhandenen Wissensschatz, Verknüpfung von eigenem und fremdem Wissen, analytische Auseinandersetzung mit dem Material und Präsentation in nachvollziehbarer Form.

Wissenschaftliche Redlichkeit

Die Verpflichtung, bei der Verwendung fremder Gedanken, Bewertungen und Argumente die Spielregeln der Wissenschafts-Community einzuhalten. Verstöße gelten als Plagiat mit entsprechenden Konsequenzen.

Induktion

Wissenschaftlicher Erkenntnisweg: Vom Besonderen zum Allgemeinen — aus Einzelbeobachtungen werden allgemeine Gesetzmäßigkeiten abgeleitet. Typisch für qualitative Methoden.

Deduktion

Wissenschaftlicher Erkenntnisweg: Vom Allgemeinen zum Besonderen — aus allgemeinen Theorien werden Hypothesen abgeleitet und empirisch überprüft. Typisch für quantitative Methoden.

Primäranalyse

Erhebung eigener empirischer Daten durch Befragung, Experiment, Beobachtung oder Dokumentenanalyse.

Sekundäranalyse

Keine eigene Datenerhebung, sondern Weiter- oder Neuanalyse vorhandener Daten aus früheren Studien. Vorteil: geringer Aufwand. Nachteil: kein Einfluss auf die Daten.

Falsifikation

Die Widerlegung einer Hypothese oder Theorie durch empirische Beobachtungen oder Experimente; grundlegendes Prinzip des kritischen Rationalismus.

Zitierfähigkeit

Die formale Eignung einer Quelle zur Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten (d. h. sie muss öffentlich zugänglich und dauerhaft auffindbar sein).

Kernkonzepte

Wiederholung: Individualkommunikation

Individualkommunikation ist die Kommunikation zwischen zwei oder wenigen bekannten Personen. Der Informationsfluss ist bidirektional — alle Teilnehmer*innen sind zugleich Sender und Empfänger.
Beispiele:
  • Face-to-Face-Gespräche (verbal und non-verbal)
  • Telefonate, Audio-/Video-Calls (FaceTime, Zoom, Teams)
  • Brief, E-Mail, SMS, Chat, Instant Messaging
Harrison adaptierte das Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver um Störfaktoren menschlicher Kommunikation und das kommunikative Feedback im Dialog.

Wiederholung: Semiotik und das semiotische Dreieck

Die Semiotik ist die Lehre der Zeichen und umfasst drei Dimensionen:
DimensionBeschreibungBeispiel
SyntaxInhalt des Zeichens und SatzbildungsregelnWas sieht man? Wie wird der Satz gebildet?
SemantikBegleitende Bedeutung des InhaltsWas bedeutet die Farbe/Form? (z.B. Pfeil als Richtungsweiser)
PragmatikKontextabhängiger Zweck des ZeichensWelchen Zweck hat das Zeichen in der konkreten Situation? (z.B. Stoppschild)
Das semiotische Dreieck beschreibt die Beziehung zwischen:
  • Ding — der reale Gegenstand („Was Sache ist")
  • Begriff — die Vorstellung davon („Was wir meinen")
  • Symbol — das Wort/Zeichen dafür („Was man dazu sagt")
Klausurrelevant
Dinge, Begriffe und Symbole müssen klar, eindeutig und zusammenpassend sein — für Sender und Empfänger. Ist das nicht der Fall, kommt es zu Verwechslungen oder Fehlkommunikation.

Wiederholung: Computervermittelte Kommunikation (cvK)

Als cvK werden alle kommunikativen Austauschprozesse verstanden, die durch einen Computer als vermittelndes Medium stattfinden. Nach Misoch gibt es fünf Spezifika, die cvK von Face-to-Face unterscheiden:
  1. Entkörperlichung — Der Mensch ist unsichtbar (keine Gestik, Mimik, Alter, Geschlecht)
  2. Textualität — Kommunikation primär über Text und Zeichen
  3. Entzeitlichung & Enträumlichung — Ort und Zeitpunkt von Lesen/Schreiben können variieren
  4. Entkontextualisierung — Der Kontext des Gesprächs fehlt
  5. Digitalisierung — Speicherung und Informationsbeschleunigung

Herausforderungen der Online-Kommunikation

  • Asynchrones und asymmetrisches kommunikatives Handeln
  • Entkopplung von Produktion und Rezeption
  • Fehlen des sozialen Kontexts und sozialer Regulierung
  • Scheinbare Anonymität
  • Fehlende Empathie und Reziprozität
Achtung
Diese Herausforderungen führen zu dysfunktionaler Onlinekommunikation: Shitstorms, Cybermobbing, Hate Speech usw. „Man äußert sich anders, wenn einem kein Mensch gegenübersitzt" (Stegbauer 2018: 58).

Was ist Wissenschaft?

„Allgemein wird in der Wissenschaft nach zutreffenden und möglichst allgemeingültigen Erklärungen für Phänomene gesucht, die in der Umwelt zu beobachten sind." (vgl. Disterer 2019: 19)
Wissenschaft hat das Ziel, die Welt zu erforschen, Unbekanntes zu entdecken und Wissen durch methodische und systematische Forschung zu erweitern. Wissenschaftliches Arbeiten umfasst dabei:
  1. Zugriff auf vorhandenen Wissensschatz und Verknüpfung mit eigenem Wissen
  2. Analytische und kreative Auseinandersetzung mit dem Material
  3. Entwicklung und Präsentation von Arbeitsprodukten in nachvollziehbarer Form

Sieben Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen

Klausurrelevant
Diese sieben Anforderungen sind zentral für jede wissenschaftliche Arbeit und klausurrelevant!
  1. Nicht-trivial — Ein klarer Erkenntnisgewinn muss gegeben sein
  2. Relevant — Themen von Interesse, deren Relevanz zu Beginn dargelegt wird
  3. Vorläufig — Jede wissenschaftliche Wahrheit gilt nur, bis sie widerlegt wird
  4. Erhärtet, nicht bewiesen — Zusammenhänge werden durch Tests überprüft und ggf. falsifiziert
  5. Überprüfbar — Vorgehensweise muss offengelegt werden
  6. Aufbauend auf dem Stand des Wissens — Anknüpfung an bekannte Erkenntnisse
  7. Nachvollziehbar — Durch Belege, Verweise und Daten argumentiert

Arten wissenschaftlicher Arbeiten

ArtBearbeitungszeitUmfang
Praktikumsbericht / SeminararbeitEinige Wochen5–15 Seiten
HausarbeitSemesterbegleitend15–30 Seiten
Projektarbeit1–3 Monate10–50 Seiten
BachelorarbeitCa. 3 Monate30–80 Seiten
MasterarbeitCa. 6 Monate60–120 Seiten
DissertationMehrere Jahre100–250+ Seiten
Info
Weitere Formen: Wissenschaftlicher Artikel, Habilitation und (immer seltener) Diplomarbeit. Alle Arbeiten unterscheiden sich in Bearbeitungszeitraum, Umfang, Inhalt, Methode, angestrebtem akademischen Grad und Veröffentlichungspflicht.

Qualität wissenschaftlicher Arbeiten

Es gibt 12 Qualitätskriterien für wissenschaftliche Arbeiten (nach Balzert et al. 2017), die u.a. die korrekte Verwendung von Quellen, logische Argumentation und methodische Sorgfalt umfassen.

„Tagtägliches Denken" vs. Gute akademische Forschung

Tagtägliches DenkenGute akademische Forschung
Minderwertige DatenAusreichende Datenquellen
Wenig QuellenWissenschaftlich fundierte Quellen
Unvollständige DatenAkkurat protokolliert
Schnelles, oberflächliches DenkenGenaue Datenanalyse
Keine vorschnellen Annahmen
Datenbasierte, nachvollziehbare Schlussfolgerungen

Wissenschaftliche Quellen: Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit

„Nicht alle Quellen eignen sich für die Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten. So kommt es bei der Verwendung vor allem auf die Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit eines Dokuments an." (vgl. Balzert et al. 2017: 166)
Klausurrelevant
In den meisten Fällen darf nur aus primären Quellen zitiert werden. Das Zitieren aus sekundären Quellen ist nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Wissenschaftliche Redlichkeit

Der Begriff der Redlichkeit meint die Verpflichtung, die Spielregeln der Wissenschafts-Community einzuhalten — insbesondere bei der Verwendung von Quellen, wenn fremde Gedanken, Bewertungen und Argumente übernommen werden.
Achtung
Unredliches Verhalten (Plagiat!) zählt als Verletzung der wissenschaftlichen Spielregeln — mit gravierenden Konsequenzen für den Verfasser und Gefahren für die Wissenschaft insgesamt.

Wissenschaftliche Sprache

Wissenschaftliche Sprache unterscheidet sich fundamental von Belletristik:
Wissenschaftliche ArbeitBelletristik
Ich-Form vermeidenIch-Form zulässig
Sachliche, klare SpracheFlüssige, unterhaltsame Sprache
Kurze, prägnante SätzeSätze werden stilistisch ausgeschmückt
Keine UmgangsspracheUmgangssprache möglich
Begriffe werden definiertBegriffsverständnis wird vorausgesetzt
Literaturquellen werden zitiertKeine Zitate nötig

Drei Zielsetzungen wissenschaftlichen Schreibens

  1. Verständlichkeit — Sachliche, klare Sprache ohne Interpretationsspielräume. Kurze Sätze, eindeutige Aussagen, keine Füllwörter, sparsamer Fremdwortgebrauch.
  2. Logische Argumentation — Roter Faden, logisch-deduktives Vorgehen: vom Allgemeinen zum Speziellen. Argumente folgen aufeinander mit entsprechenden Quellen und Belegen.
  3. Nachvollziehbarkeit — Vorgehen, Aufbau und Argumentation müssen jederzeit nachvollziehbar sein. Besonderes Augenmerk auf die Einleitung (Thema, Forschungsfrage, Zielsetzung, Vorgehen).

Die 8 wichtigsten Sprachregeln

  1. Konjunktive vermeiden — „hat" statt „hätte", „wird" statt „würde"
  2. Keine Ich-Form — stattdessen: „aus Sicht des Autors", „es wird festgestellt"
  3. Sachliche, klare, eindeutige Sprache
  4. Keine Füllsätze und Füllwörter
  5. Keine Umgangssprache
  6. Fremdwörter vermeiden (nur wenn nötig und vertraut)
  7. Unnötige Wiederholungen vermeiden — stattdessen Verweise nutzen
  8. Logische Argumentationsketten beachten (Kohärenz, roter Faden)
Tipp
Auch bei wissenschaftlichen Arbeiten an geschlechtergerechte Sprache denken!

Ausblick: Empirische Erkenntnisswege

Induktion und Deduktion

  • Induktion → vom Besonderen zum Allgemeinen → typisch für qualitative Methoden
  • Deduktion → vom Allgemeinen zum Besonderen → typisch für quantitative Methoden

Primäranalyse — Möglichkeiten

MethodeMerkmaleRisiken
BefragungMeinungen, Bewertungen, Gründe erfassen; standardisiert/unstandardisiertSozial erwünschte Antworten
Experiment/TestTesten einzelner Variablen, hohe VergleichbarkeitKünstliche Laborsituation
BeobachtungVerhalten, Nutzung, Wirkungen; offen/verdeckt, teilnehmend/nicht-teilnehmendGründe für Verhalten unbekannt
Dokumenten-/InhaltsanalyseAnalyse von Artefakten (Medien, Dokumente), auch für vergangene EreignisseNur für bestimmte Fragestellungen

Sekundäranalyse

  • ✅ Geringer Aufwand
  • ✅ Gut für Langzeit-/Vergleichsstudien
  • ❌ Kein Einfluss auf die Daten
  • ❌ Keine eigene Operationalisierung

Lernkarten

Frage

Was sind die drei Dimensionen der Semiotik?

Antwort

1) Syntax: Inhalt des Zeichens und Satzbildungsregeln. 2) Semantik: begleitende Bedeutung (Was bedeutet die Farbe/Form?). 3) Pragmatik: kontextabhängiger Zweck des Zeichens in der konkreten Situation.

Frage

Was sind die fünf Spezifika der computervermittelten Kommunikation nach Misoch?

Antwort

1) Entkörperlichung (keine Gestik/Mimik), 2) Textualität (primär textbasiert), 3) Entzeitlichung & Enträumlichung (Ort/Zeit variieren), 4) Entkontextualisierung (fehlender Kontext), 5) Digitalisierung (Speicherung, Beschleunigung).

Frage

Was ist das semiotische Dreieck?

Antwort

Modell mit drei Ecken: Ding (der reale Gegenstand – 'Was Sache ist'), Begriff (die Vorstellung davon – 'Was wir meinen'), Symbol (das Wort/Zeichen dafür – 'Was man dazu sagt'). Alle drei müssen für Sender und Empfänger eindeutig zusammenpassen.

Frage

Nennen Sie die sieben Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen.

Antwort

1) Nicht-trivial, 2) Relevant, 3) Vorläufig (widerlegbar), 4) Erhärtet (nicht bewiesen), 5) Überprüfbar, 6) Auf dem Stand des Wissens aufbauend, 7) Nachvollziehbar (durch Belege argumentiert).

Frage

Was unterscheidet Induktion von Deduktion?

Antwort

Induktion: vom Besonderen zum Allgemeinen — aus Einzelbeobachtungen werden allgemeine Gesetzmäßigkeiten abgeleitet (qualitative Methoden). Deduktion: vom Allgemeinen zum Besonderen — aus Theorien werden Hypothesen abgeleitet und getestet (quantitative Methoden).

Frage

Was ist wissenschaftliche Redlichkeit?

Antwort

Die Verpflichtung, die Spielregeln der Wissenschafts-Community einzuhalten, insbesondere beim Verwenden fremder Gedanken, Bewertungen und Argumente. Unredliches Verhalten (Plagiat) hat gravierende Konsequenzen.

Frage

Welche vier Methoden der Primäranalyse gibt es?

Antwort

1) Befragung (Meinungen/Bewertungen erfassen), 2) Experiment/Test (Variablen testen), 3) Beobachtung (Verhalten/Nutzung erfassen), 4) Dokumenten-/Inhaltsanalyse (Artefakte analysieren).

Frage

Was sind die drei Zielsetzungen wissenschaftlichen Schreibens?

Antwort

1) Verständlichkeit: sachliche, klare Sprache. 2) Logische Argumentation: roter Faden, logisch-deduktiv vom Allgemeinen zum Speziellen. 3) Nachvollziehbarkeit: Vorgehen, Aufbau und Argumentation jederzeit nachvollziehbar.

Frage

Welche Arten wissenschaftlicher Arbeiten gibt es und wie lang sind sie typischerweise?

Antwort

Praktikumsbericht (5–15 S.), Hausarbeit (15–30 S.), Projektarbeit (10–50 S.), Bachelorarbeit (30–80 S.), Masterarbeit (60–120 S.), Dissertation (100–250+ S.).

Frage

Was unterscheidet Primäranalyse von Sekundäranalyse?

Antwort

Primäranalyse: eigene empirische Datenerhebung (Befragung, Experiment, Beobachtung, Inhaltsanalyse). Sekundäranalyse: Weiter-/Neuanalyse vorhandener Daten aus früheren Studien — geringerer Aufwand, aber kein Einfluss auf die Daten.

Frage

Was versteht man unter 'Zitierwürdigkeit' im Unterschied zur 'Zitierfähigkeit'?

Antwort

Zitierfähigkeit meint die formale Eignung (öffentliche Zugänglichkeit, Auffindbarkeit), während Zitierwürdigkeit die inhaltliche Qualität und wissenschaftliche Fundierung einer Quelle beschreibt.

Frage

Nenne drei der acht wichtigsten Sprachregeln des wissenschaftlichen Schreibens.

Antwort

Keine Ich-Form, Konjunktive vermeiden, sachliche und klare Sprache ohne Umgangssprache (beliebige drei).

Übungsfragen