Zusammenfassung
Diese Vorlesung gliedert sich in zwei Teile: eine Wiederholung der Grundlagen zu Online-Kommunikation (Individualkommunikation, Sender-Empfänger-Modell, Semiotik, computervermittelte Kommunikation) und den ersten Wissenschafts-Exkurs zu wissenschaftlichem Arbeiten. Im Hauptteil wird geklärt, was Wissenschaft ist, welche Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen gestellt werden, welche Arten wissenschaftlicher Arbeiten existieren und wie deren Qualität beurteilt wird. Zudem werden wissenschaftliche Quellen, wissenschaftliche Sprache, das Konzept der wissenschaftlichen Redlichkeit sowie ein Ausblick auf empirische Methoden (Induktion, Deduktion, Primär- und Sekundäranalyse) behandelt.
Schlüsselbegriffe
Semiotik
Die Wissenschaft bzw. Lehre der Zeichen und Zeichensysteme. Zeichen (Icons, Symbole, Schrift) vermitteln Bedeutung und ermöglichen Kommunikation. Begründet u.a. durch Ferdinand de Saussure.
Semiotisches Dreieck
Modell der Zeichenvermittlung mit drei Ecken: Ding (der reale Gegenstand), Begriff (die Vorstellung/das Bild davon) und Symbol (das Wort/Zeichen dafür). Alle drei müssen klar und eindeutig zusammenpassen.
Computervermittelte Kommunikation (cvK)
Alle kommunikativen, sozialen Austauschprozesse, die durch einen Computer als vermittelndes technisches Medium stattfinden. Gekennzeichnet durch fünf Spezifika nach Misoch: Entkörperlichung, Textualität, Entzeitlichung & Enträumlichung, Entkontextualisierung und Digitalisierung.
Individualkommunikation
Kommunikation zwischen zwei oder wenigen bekannten Personen, bei der der Informationsfluss bidirektional verläuft — alle Teilnehmer*innen sind zugleich Sender und Empfänger.
Wissenschaftliches Arbeiten
Planvolles Vorgehen zur Generierung neuen Wissens, das umfasst: Zugriff auf vorhandenen Wissensschatz, Verknüpfung von eigenem und fremdem Wissen, analytische Auseinandersetzung mit dem Material und Präsentation in nachvollziehbarer Form.
Wissenschaftliche Redlichkeit
Die Verpflichtung, bei der Verwendung fremder Gedanken, Bewertungen und Argumente die Spielregeln der Wissenschafts-Community einzuhalten. Verstöße gelten als Plagiat mit entsprechenden Konsequenzen.
Induktion
Wissenschaftlicher Erkenntnisweg: Vom Besonderen zum Allgemeinen — aus Einzelbeobachtungen werden allgemeine Gesetzmäßigkeiten abgeleitet. Typisch für qualitative Methoden.
Deduktion
Wissenschaftlicher Erkenntnisweg: Vom Allgemeinen zum Besonderen — aus allgemeinen Theorien werden Hypothesen abgeleitet und empirisch überprüft. Typisch für quantitative Methoden.
Primäranalyse
Erhebung eigener empirischer Daten durch Befragung, Experiment, Beobachtung oder Dokumentenanalyse.
Sekundäranalyse
Keine eigene Datenerhebung, sondern Weiter- oder Neuanalyse vorhandener Daten aus früheren Studien. Vorteil: geringer Aufwand. Nachteil: kein Einfluss auf die Daten.
Falsifikation
Die Widerlegung einer Hypothese oder Theorie durch empirische Beobachtungen oder Experimente; grundlegendes Prinzip des kritischen Rationalismus.
Zitierfähigkeit
Die formale Eignung einer Quelle zur Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten (d. h. sie muss öffentlich zugänglich und dauerhaft auffindbar sein).
Kernkonzepte
Wiederholung: Individualkommunikation
Individualkommunikation ist die Kommunikation zwischen zwei oder wenigen bekannten Personen. Der Informationsfluss ist bidirektional — alle Teilnehmer*innen sind zugleich Sender und Empfänger.
Beispiele:
- Face-to-Face-Gespräche (verbal und non-verbal)
- Telefonate, Audio-/Video-Calls (FaceTime, Zoom, Teams)
- Brief, E-Mail, SMS, Chat, Instant Messaging
Harrison adaptierte das Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver um Störfaktoren menschlicher Kommunikation und das kommunikative Feedback im Dialog.
Wiederholung: Semiotik und das semiotische Dreieck
Die Semiotik ist die Lehre der Zeichen und umfasst drei Dimensionen:
| Dimension | Beschreibung | Beispiel |
|---|---|---|
| Syntax | Inhalt des Zeichens und Satzbildungsregeln | Was sieht man? Wie wird der Satz gebildet? |
| Semantik | Begleitende Bedeutung des Inhalts | Was bedeutet die Farbe/Form? (z.B. Pfeil als Richtungsweiser) |
| Pragmatik | Kontextabhängiger Zweck des Zeichens | Welchen Zweck hat das Zeichen in der konkreten Situation? (z.B. Stoppschild) |
Das semiotische Dreieck beschreibt die Beziehung zwischen:
- Ding — der reale Gegenstand („Was Sache ist")
- Begriff — die Vorstellung davon („Was wir meinen")
- Symbol — das Wort/Zeichen dafür („Was man dazu sagt")
Klausurrelevant
Dinge, Begriffe und Symbole müssen klar, eindeutig und zusammenpassend sein — für Sender und Empfänger. Ist das nicht der Fall, kommt es zu Verwechslungen oder Fehlkommunikation.
Wiederholung: Computervermittelte Kommunikation (cvK)
Als cvK werden alle kommunikativen Austauschprozesse verstanden, die durch einen Computer als vermittelndes Medium stattfinden. Nach Misoch gibt es fünf Spezifika, die cvK von Face-to-Face unterscheiden:
- Entkörperlichung — Der Mensch ist unsichtbar (keine Gestik, Mimik, Alter, Geschlecht)
- Textualität — Kommunikation primär über Text und Zeichen
- Entzeitlichung & Enträumlichung — Ort und Zeitpunkt von Lesen/Schreiben können variieren
- Entkontextualisierung — Der Kontext des Gesprächs fehlt
- Digitalisierung — Speicherung und Informationsbeschleunigung
Herausforderungen der Online-Kommunikation
- Asynchrones und asymmetrisches kommunikatives Handeln
- Entkopplung von Produktion und Rezeption
- Fehlen des sozialen Kontexts und sozialer Regulierung
- Scheinbare Anonymität
- Fehlende Empathie und Reziprozität
Achtung
Diese Herausforderungen führen zu dysfunktionaler Onlinekommunikation: Shitstorms, Cybermobbing, Hate Speech usw. „Man äußert sich anders, wenn einem kein Mensch gegenübersitzt" (Stegbauer 2018: 58).
Was ist Wissenschaft?
„Allgemein wird in der Wissenschaft nach zutreffenden und möglichst allgemeingültigen Erklärungen für Phänomene gesucht, die in der Umwelt zu beobachten sind." (vgl. Disterer 2019: 19)
Wissenschaft hat das Ziel, die Welt zu erforschen, Unbekanntes zu entdecken und Wissen durch methodische und systematische Forschung zu erweitern. Wissenschaftliches Arbeiten umfasst dabei:
- Zugriff auf vorhandenen Wissensschatz und Verknüpfung mit eigenem Wissen
- Analytische und kreative Auseinandersetzung mit dem Material
- Entwicklung und Präsentation von Arbeitsprodukten in nachvollziehbarer Form
Sieben Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen
Klausurrelevant
Diese sieben Anforderungen sind zentral für jede wissenschaftliche Arbeit und klausurrelevant!
- Nicht-trivial — Ein klarer Erkenntnisgewinn muss gegeben sein
- Relevant — Themen von Interesse, deren Relevanz zu Beginn dargelegt wird
- Vorläufig — Jede wissenschaftliche Wahrheit gilt nur, bis sie widerlegt wird
- Erhärtet, nicht bewiesen — Zusammenhänge werden durch Tests überprüft und ggf. falsifiziert
- Überprüfbar — Vorgehensweise muss offengelegt werden
- Aufbauend auf dem Stand des Wissens — Anknüpfung an bekannte Erkenntnisse
- Nachvollziehbar — Durch Belege, Verweise und Daten argumentiert
Arten wissenschaftlicher Arbeiten
| Art | Bearbeitungszeit | Umfang |
|---|---|---|
| Praktikumsbericht / Seminararbeit | Einige Wochen | 5–15 Seiten |
| Hausarbeit | Semesterbegleitend | 15–30 Seiten |
| Projektarbeit | 1–3 Monate | 10–50 Seiten |
| Bachelorarbeit | Ca. 3 Monate | 30–80 Seiten |
| Masterarbeit | Ca. 6 Monate | 60–120 Seiten |
| Dissertation | Mehrere Jahre | 100–250+ Seiten |
Info
Weitere Formen: Wissenschaftlicher Artikel, Habilitation und (immer seltener) Diplomarbeit. Alle Arbeiten unterscheiden sich in Bearbeitungszeitraum, Umfang, Inhalt, Methode, angestrebtem akademischen Grad und Veröffentlichungspflicht.
Qualität wissenschaftlicher Arbeiten
Es gibt 12 Qualitätskriterien für wissenschaftliche Arbeiten (nach Balzert et al. 2017), die u.a. die korrekte Verwendung von Quellen, logische Argumentation und methodische Sorgfalt umfassen.
„Tagtägliches Denken" vs. Gute akademische Forschung
| Tagtägliches Denken | Gute akademische Forschung |
|---|---|
| Minderwertige Daten | Ausreichende Datenquellen |
| Wenig Quellen | Wissenschaftlich fundierte Quellen |
| Unvollständige Daten | Akkurat protokolliert |
| Schnelles, oberflächliches Denken | Genaue Datenanalyse |
| — | Keine vorschnellen Annahmen |
| — | Datenbasierte, nachvollziehbare Schlussfolgerungen |
Wissenschaftliche Quellen: Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit
„Nicht alle Quellen eignen sich für die Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten. So kommt es bei der Verwendung vor allem auf die Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit eines Dokuments an." (vgl. Balzert et al. 2017: 166)
Klausurrelevant
In den meisten Fällen darf nur aus primären Quellen zitiert werden. Das Zitieren aus sekundären Quellen ist nur in Ausnahmefällen erlaubt.
Wissenschaftliche Redlichkeit
Der Begriff der Redlichkeit meint die Verpflichtung, die Spielregeln der Wissenschafts-Community einzuhalten — insbesondere bei der Verwendung von Quellen, wenn fremde Gedanken, Bewertungen und Argumente übernommen werden.
Achtung
Unredliches Verhalten (Plagiat!) zählt als Verletzung der wissenschaftlichen Spielregeln — mit gravierenden Konsequenzen für den Verfasser und Gefahren für die Wissenschaft insgesamt.
Wissenschaftliche Sprache
Wissenschaftliche Sprache unterscheidet sich fundamental von Belletristik:
| Wissenschaftliche Arbeit | Belletristik |
|---|---|
| Ich-Form vermeiden | Ich-Form zulässig |
| Sachliche, klare Sprache | Flüssige, unterhaltsame Sprache |
| Kurze, prägnante Sätze | Sätze werden stilistisch ausgeschmückt |
| Keine Umgangssprache | Umgangssprache möglich |
| Begriffe werden definiert | Begriffsverständnis wird vorausgesetzt |
| Literaturquellen werden zitiert | Keine Zitate nötig |
Drei Zielsetzungen wissenschaftlichen Schreibens
- Verständlichkeit — Sachliche, klare Sprache ohne Interpretationsspielräume. Kurze Sätze, eindeutige Aussagen, keine Füllwörter, sparsamer Fremdwortgebrauch.
- Logische Argumentation — Roter Faden, logisch-deduktives Vorgehen: vom Allgemeinen zum Speziellen. Argumente folgen aufeinander mit entsprechenden Quellen und Belegen.
- Nachvollziehbarkeit — Vorgehen, Aufbau und Argumentation müssen jederzeit nachvollziehbar sein. Besonderes Augenmerk auf die Einleitung (Thema, Forschungsfrage, Zielsetzung, Vorgehen).
Die 8 wichtigsten Sprachregeln
- Konjunktive vermeiden — „hat" statt „hätte", „wird" statt „würde"
- Keine Ich-Form — stattdessen: „aus Sicht des Autors", „es wird festgestellt"
- Sachliche, klare, eindeutige Sprache
- Keine Füllsätze und Füllwörter
- Keine Umgangssprache
- Fremdwörter vermeiden (nur wenn nötig und vertraut)
- Unnötige Wiederholungen vermeiden — stattdessen Verweise nutzen
- Logische Argumentationsketten beachten (Kohärenz, roter Faden)
Tipp
Auch bei wissenschaftlichen Arbeiten an geschlechtergerechte Sprache denken!
Ausblick: Empirische Erkenntnisswege
Induktion und Deduktion
- Induktion → vom Besonderen zum Allgemeinen → typisch für qualitative Methoden
- Deduktion → vom Allgemeinen zum Besonderen → typisch für quantitative Methoden
Primäranalyse — Möglichkeiten
| Methode | Merkmale | Risiken |
|---|---|---|
| Befragung | Meinungen, Bewertungen, Gründe erfassen; standardisiert/unstandardisiert | Sozial erwünschte Antworten |
| Experiment/Test | Testen einzelner Variablen, hohe Vergleichbarkeit | Künstliche Laborsituation |
| Beobachtung | Verhalten, Nutzung, Wirkungen; offen/verdeckt, teilnehmend/nicht-teilnehmend | Gründe für Verhalten unbekannt |
| Dokumenten-/Inhaltsanalyse | Analyse von Artefakten (Medien, Dokumente), auch für vergangene Ereignisse | Nur für bestimmte Fragestellungen |
Sekundäranalyse
- ✅ Geringer Aufwand
- ✅ Gut für Langzeit-/Vergleichsstudien
- ❌ Kein Einfluss auf die Daten
- ❌ Keine eigene Operationalisierung