Winkler, Hartmut (1999): Die prekäre Rolle der Technik. In: Pias, Claus (Hrsg.): [me'dien]i – Dreizehn Vorträge zur Medienkultur. Weimar: VDG, S. 221–238.
Zusammenfassung
Winkler stellt die Frage, ob die Technik in der Medientheorie zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Er skizziert zwei gegensätzliche Positionen – die technikzentrierte „Henne"-Position (Kittler) und die anthropologische „Ei"-Position (McLuhan) – und kritisiert beide als zu eindimensional. Sein Vorschlag ist ein zyklisches Modell nach dem Vorbild der Sprachtheorie (Sprechen ↔ Sprache), in dem Praxen und Technik wechselseitig aufeinander einwirken. Keines von beidem ist das eigentlich Primäre.
Schlüsselbegriffe
Henne-Position (Kittler)
Die technikzentrierte Extremposition: Medien und Technologien bestimmen kausal die Gesellschaft und den Menschen. Medientechnik ist die unabhängige Variable – der Mensch wird durch sie geformt. Kernformel: 'Medien bestimmen unsere Lage.'
Ei-Position (McLuhan)
Die anthropologische Gegenposition: Medien sind Verlängerungen (Extensions) des Menschen. Der Mensch ist das Ursprüngliche, die Technik entsteht aus menschlichen Bedürfnissen und Wahrnehmungsstrukturen. Technik dient dem Menschen.
Prekäre Rolle der Technik
Winklers Diagnose: Die Technik nimmt in der Medientheorie eine prekäre (unsichere, gefährdete) Mittelposition ein – weder ist sie rein bestimmend (Henne) noch rein bestimmt (Ei). Beide Seiten übertreiben; die Wahrheit liegt in einem zirkulären Verhältnis.
Zirkuläres Modell (Sprechen ↔ Sprache)
Winklers Lösungsvorschlag in Analogie zur Sprachtheorie: Wie Sprechen (Praxis) und Sprache (System) sich gegenseitig konstituieren, so konstituieren Praxen (gesellschaftliche Nutzung) und Technik (materielles Medium) einander zirkulär. Keine Seite ist kausal primär.
Sedimentierung
Praxen schlagen sich in Technik nieder – gesellschaftliche Gewohnheiten, Wünsche und Routinen werden in technische Artefakte eingeschrieben. Technik ist geronnene Praxis.
Rückwirkung der Technik
Einmal sedimentiert, wirkt Technik auf die Praxen zurück und formt sie. Der Kreislauf schließt sich: Technik ist zugleich Produkt und Produzent gesellschaftlicher Praxis.
Fetischisierung der Technik
Winklers Kritik an der übermäßigen Betonung der Technik als autonome Kraft. Beide Extreme – blinder Technikdeterminismus UND naiver Humanismus – verfehlen die komplexe Wechselwirkung.
Kernthesen und Argumentation
Die Ausgangsfrage: Henne oder Ei?
Winkler eröffnet mit einer simplen, aber grundlegenden Frage: Was kommt zuerst – die Technik oder der Mensch? In der Medientheorie stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber:
Die Henne-Position (Technikdeterminismus):
- Friedrich Kittler: „Medien bestimmen unsere Lage"
- Technologien formen Wahrnehmung, Denken, Gesellschaft
- Der Mensch ist Effekt der Medientechnik, nicht ihr Ursprung
Die Ei-Position (Anthropologismus):
- Marshall McLuhan: Medien als Extensions of Man
- Der Mensch ist das Primäre; Technik entsteht aus menschlichen Bedürfnissen
- Technologien verlängern und verstärken menschliche Fähigkeiten
Klausurrelevant
Winkler zeigt, dass beide Positionen eine falsche Linearität voraussetzen: Sie setzen eine Seite als Ursache und die andere als Wirkung. Das verfehlt die tatsächliche Komplexität medialer Prozesse.
Kritik an der Henne-Position
Die technikzentrierte Position hat ihre Stärken: Sie nimmt die Materialität von Medien ernst und verhindert naive Vorstellungen, Medien seien neutrale Transportkanäle. Kittlers strukturalistische Radikalität ist intellektuell konsequent.
Aber: Sie läuft Gefahr, Technik zu fetischisieren – sie als autonome, deterministische Kraft zu behandeln, die dem Menschen äußerlich und übergeordnet ist. Dabei entsteht Technik nie im Vakuum, sondern immer aus gesellschaftlichen Praxen, Interessen und Konflikten.
Kritik an der Ei-Position
McLuhans Ansatz rettet den Menschen als handelndes Subjekt und ermöglicht eine Kulturkritik. Aber: Er unterschätzt, wie stark Technik, einmal etabliert, die Praxen rückformiert. Die Verlängerungsmetapher impliziert eine zu harmlose, instrumentelle Beziehung zwischen Mensch und Medium.
Winklers Lösung: Das zirkuläre Modell
Info
Das zentrale Argument: Wie in der Sprachtheorie das Sprechen (Parole) und die Sprache (Langue) sich wechselseitig konstituieren, so konstituieren gesellschaftliche Praxen und Technik einander zirkulär.
Der Kreislauf funktioniert in zwei Richtungen:
-
Praxen → Technik (Sedimentierung): Gesellschaftliche Gewohnheiten, Wünsche, Routinen und Konflikte schlagen sich in technischen Artefakten nieder. Technik ist geronnene Praxis. Ein Medium entsteht aus dem, was Menschen tun und wollen.
-
Technik → Praxen (Rückwirkung): Einmal in der Welt, wirkt Technik auf die Praxen zurück. Sie schafft neue Möglichkeiten und Zwänge, verändert Wahrnehmung, Kommunikation und soziale Strukturen.
| Henne-Position | Ei-Position | Winklers Modell | |
|---|---|---|---|
| Primäres | Technik | Mensch/Praxis | Keines (zirkulär) |
| Kausalität | Technik → Mensch | Mensch → Technik | wechselseitig |
| Problem | Fetischisierung | Naiver Humanismus | — |
| Vertreter | Kittler | McLuhan | Winkler |
Implikationen
Das zirkuläre Modell hat weitreichende Konsequenzen:
- Keine einfachen Urspungserzählungen mehr möglich: Weder „die Technik hat uns gemacht" noch „wir haben die Technik gemacht"
- Gesellschaft und Technik ko-evolvieren: Sie sind nicht unabhängig voneinander zu analysieren
- Historische Kontextualisierung wird notwendig: Welche Praxen haben welche Technik geformt? Wie hat diese Technik dann zurückgewirkt?
- Medienwissenschaft als Zirkelwissenschaft: Sie muss beide Richtungen gleichzeitig im Blick behalten
Tipp
Merkhilfe: Denke an die Schreibmaschine. Tippistinnen (Praxis) schufen den Beruf der Sekretärin und veränderten Bürokratie und Schriftlichkeit (Praxen → Technik). Die Schreibmaschine wiederum formte, wie Texte aussehen, wie schnell man schreibt, wie man denkt (Technik → Praxen). Keines ist das „Erste".
Einordnung in die Medientheorie
Winklers Beitrag ist methodologisch wichtig: Er vermittelt zwischen den großen Schulen der deutschen Medientheorie und verhindert eine vorschnelle Parteinahme. Gleichzeitig nimmt er die Materialität von Medien ernst (gegen einen idealistischen Humanismus), ohne den Menschen vollständig aus der Analyse zu streichen (gegen einen radikalen Technikdeterminismus).
Der Text steht im Kontext der deutschen Medienwissenschaft der 1990er Jahre, die sich stark mit Kittlers Ansatz auseinandersetzte. Winkler bietet eine konstruktive Kritik, keine bloße Ablehnung.
Lernkarten
Übungsfragen
Welche zwei Positionen kritisiert Winkler in seinem Text?
Welches Vorbild nutzt Winkler für sein zirkuläres Modell?
Was bedeutet es laut Winkler, dass Technik 'auf Praxen zurückwirkt'?