Zusammenfassung
Dieses Praktikum behandelt den Umgang mit wissenschaftlichen Texten und Quellen. Im Zentrum stehen die Fragen: Was macht eine Quelle wissenschaftlich? Welche Literaturtypen gibt es und wie werden sie korrekt zitiert? Wie findet man geeignete wissenschaftliche Literatur – sowohl über klassische Bibliothekskataloge als auch mithilfe von KI-Tools? Außerdem wird die Abgrenzung zwischen wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen und journalistischen Quellen erarbeitet sowie der reflektierte Einsatz von KI bei Prüfungsleistungen thematisiert.
Schlüsselbegriffe
Zitierfähigkeit
Eigenschaft einer Quelle, formal zitiert werden zu können — d.h. sie muss auffindbar, zugänglich und eindeutig identifizierbar sein (z.B. durch ISBN, DOI oder URL).
Zitierwürdigkeit
Inhaltliche Eignung einer Quelle für die Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten. Nur Quellen, die wissenschaftlichen Qualitätsstandards genügen (z.B. peer-reviewed), sind zitierwürdig.
Primärliteratur
Originalquelle, mit der direkt gearbeitet werden sollte — z.B. die Studie oder das Werk selbst.
Sekundärliteratur
Literatur von Expert*innen über eine Primärquelle, z.B. Analysen oder Kommentare in Monografien. Man darf daraus keine Originalquellen zitieren, die man nicht selbst eingesehen hat.
Tertiärliteratur
Gesammelte Informationen aus unterschiedlichen Quellen, z.B. in Lehrbüchern oder Enzyklopädien. Dient zur Orientierung, nicht als Beleg in wissenschaftlichen Arbeiten.
Monografie
Selbstständige Buchpublikation eines oder weniger Autor*innen, die ein Thema umfassend und zusammenhängend behandelt.
Sammelband
Buch mit einzelnen Beiträgen (Aufsätzen) verschiedener Autor*innen zu einem gemeinsamen Thema, organisiert von Herausgeber*innen.
Boolesche Operatoren
Logische Verknüpfungen (UND/AND, ODER/OR, NICHT/NOT) zur gezielten Kombination von Suchbegriffen in Datenbanken und Katalogen.
Trunkierung
Abkürzung von Suchbegriffen mit Platzhaltern (? für einen Buchstaben, * für beliebige Endungen), um die Treffermenge zu vergrößern.
Suchwort-Matrix
Systematische Tabelle, in der zu Hauptbegriffen Synonyme, Ober-/Unterbegriffe, verwandte Begriffe und fremdsprachige Entsprechungen gesammelt werden.
Informationsintermediäre
Plattformen und Dienste (z.B. Suchmaschinen, soziale Netzwerke), die zwischen Informationsanbieter*innen und -nutzer*innen vermitteln und dabei Inhalte selektieren und priorisieren.
Kernkonzepte
Organisatorisches: Prüfungsvorleistungen
Im Praktikum müssen drei Prüfungsvorleistungen erbracht werden (mindestens eine Textaufgabe muss bestanden werden, um an der Klausur teilzunehmen):
- Text-Test (ab 13.05.): Handschriftliche Einzelarbeit vor Ort. Textaufgabe zu einem unbekannten Text.
- Rechercheaufgabe (08.07.): Digitale Abgabe. Schriftliche Vertiefung von Konzepten, Theorien oder Begriffen aus der Vorlesung inkl. wissenschaftlicher Literaturrecherche.
- Qualitative Inhaltsanalyse (08.07.): Präsentation vor Ort. Erarbeitung in Gruppen. Entwicklung einer qualitativen Forschungsfrage und Durchführung der Untersuchung.
Was macht Quellen wissenschaftlich?
Nicht alle Quellen eignen sich für wissenschaftliche Arbeiten. Es kommt auf zwei Kriterien an:
- Zitierfähigkeit — Die Quelle ist formal auffindbar und identifizierbar
- Zitierwürdigkeit — Die Quelle erfüllt inhaltliche Qualitätsstandards
Klausurrelevant
Wissenschaftliche Aussagen müssen sieben Anforderungen erfüllen: Sie müssen nicht-trivial, relevant, vorläufig, überprüfbar und nachvollziehbar sein. Vermutete Zusammenhänge werden nicht bewiesen, sondern erhärtet. Und sie bauen stets auf dem bestehenden Stand des Wissens auf.
Abgrenzung: Wissenschaftlich vs. populärwissenschaftlich vs. journalistisch
| Kriterium | Wissenschaftlich | Populärwissenschaftlich | Journalistisch |
|---|---|---|---|
| Definition | Systematische, methodisch kontrollierte Forschung, nachvollziehbar & überprüfbar | Vermittelt Forschung verständlich für ein breites Publikum | Berichtet über Ereignisse, Meinungen, Debatten |
| Formate | Peer-Review-Artikel, Fachbücher, Dissertationen | Wissenschaftsmagazine, populärwiss. Bücher, Dokus | Zeitungsartikel, Blogs, Nachrichtenportale |
| Beispiele | Nature, Journal of Communication, Springer-Monografie | Spektrum der Wissenschaft, Stephen Hawking | Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online |
Tipp
Faustregel zur Einordnung: Ist die Autorenschaft klar gekennzeichnet, basieren Aussagen auf Forschung, und sind Argumente durch Quellen nachvollziehbar belegt? Dann gilt die Quelle als zuverlässig.
Primär-, Sekundär- und Tertiärliteratur
- Primärliteratur: Die Originalquelle — damit sollte gearbeitet werden
- Sekundärliteratur: Expertenliteratur über Primärquellen (z.B. Monografien)
- Tertiärliteratur: Gesammelte Informationen aus verschiedenen Quellen (z.B. Lehrbücher)
Achtung
Aus Sekundärliteratur dürfen keine Originalquellen zitiert werden, die man nicht selbst eingesehen hat. Immer die Primärquelle aufsuchen!
Literaturtypen und ihre Zitationsschemata
Monografie
Ein Werk – ein Thema – eine oder wenige Autorinnen. Durchgehender Aufbau ohne Autor*innenwechsel.
Schema: Nachname, Vorname (Jahr): Buchtitel. Untertitel. [ggf. Auflage]. Erscheinungsort.
McLuhan, Marshall (1994): Die magischen Kanäle. 2. Auflage. Dresden, Basel.
Sammelband / Aufsatz aus Sammelband
Einzelne Beiträge verschiedener Autorinnen zu einem gemeinsamen Thema, organisiert von Herausgeberinnen.
Schema (Aufsatz): Nachname, Vorname (Jahr): Aufsatztitel, in: Nachname, Vorname (Hrsg.): Titel des Sammelwerks. [ggf. Bandangabe]. [ggf. Auflage]. Erscheinungsort. Seitenzahl.
Woletz, Julie/Joisten, Martina (2013): Usability-Verfahren zwischen ökonomischen Interessen und Nutzerwünschen, in: Passoth, Jan/Wehner, Jürgen (Hrsg.): Quoten, Kurven und Profile. Zur Vermessung der sozialen Welt. Wiesbaden. S. 169-178.
Klausurrelevant
In der Regel zitiert man nur Aufsätze aus Sammelbänden, nicht den gesamten Band. Den Sammelband selbst nur angeben, wenn z.B. das Vorwort der Herausgeber*innen zitiert wird.
Artikel aus Fachzeitschriften
Kurze, spezifische Forschungsbeiträge — oft aktuelle Forschung, meist peer-reviewed.
Schema: Nachname, Vorname (Jahr): Aufsatztitel, in: Titel der Zeitschrift. Jahrgang oder Band. Heftnummer. Seitenzahl.
Bernhard, Ulf/Holger, Ingo (2008): Neue Medien – neue Modelle?, in: Studies in Communication Sciences. Jg. 8. Nr. 2. S. 221-250.
Literaturrecherche: Wo und wie suchen?
Wo suchen?
- THM-Bibliothekskatalog: https://hds.hebis.de/thm/index.php
- Katalog der Uni Gießen: https://www.uni-giessen.de/ub/de
- HeBIS-Katalog: https://portal.hebis.de/servlet/Top/searchadvanced
Suchstrategie: Most Specific First
Mit dem fachspezifischsten Begriff beginnen und sich von dort aus erweitern:
- Welcher Begriff hat den größten Fachbegriffs-Charakter?
- Anhaltspunkte: Skripte, erste Themenrecherche, Mindmaps
- Dann: Suchwort-Matrix anlegen
Suchwort-Matrix
Zu jedem Hauptbegriff werden systematisch erfasst:
| Kategorie | Beispiel „Shitstorm" | Beispiel „Fake News" |
|---|---|---|
| Synonyme | Empörungswelle | Desinformation |
| Oberbegriffe | Reaktion | Dysfunktionale Onlinekommunikation |
| Unterbegriffe | Twitter Shitstorm | Lügenpresse |
| Verwandte Begriffe | Hate Speech, Flame War | Propaganda, Falschnachricht |
| Andere Sprachen | — | — |
Achtung
Aus Lexika und Lehrbüchern keine Begriffsdefinitionen in wissenschaftlichen Texten belegen. Sie dienen nur zur Begriffserweiterung für die Suchwort-Matrix.
Trunkierungen
- ? (Fragezeichen) ersetzt einen Buchstaben →
Analy?efindet „Analyze" und „Analyse" - * (Stern) deckt verschiedene Endungen ab →
Medien*findet „Medientheorie", „Medienkultur", „Medientechnologie" usw.
Boolesche Operatoren
- UND / AND — Alle Suchbegriffe müssen vorhanden sein (Schnittmenge)
- ODER / OR — Mindestens einer der Begriffe muss vorkommen (Vereinigung)
- NICHT / NOT — Begriffe werden explizit ausgeschlossen
Tipp
In der erweiterten Suche arbeiten und einen Suchbegriff unter Verfasser, Titel oder Schlagwort eingeben. In Datenbanken zuerst nach dem Titel der Zeitschrift suchen. Unter dem Reiter „und mehr" finden sich auch einzelne Artikel aus Sammelbänden und Zeitschriften.
Exkurs: KI bei Prüfungsleistungen
Grenzen von ChatGPT
- Begrenzte Tiefe und Breite — kein Zugriff auf spezialisierte Fachliteratur
- Fehlende Überprüfbarkeit — Quellen werden erfunden oder ungenau angegeben
- Keine Qualitätsbewertung — unterscheidet nicht sicher zwischen wissenschaftlich und nicht-wissenschaftlich
- Halluzinationen — ungenaue oder irreführende Informationen, die schwer zu erkennen sind
- Probleme bei Kurzbelegen — Seitenzahlen oft ungenau oder frei erfunden
Was ChatGPT kann und was nicht
| ✅ Kann | ❌ Kann (noch) nicht |
|---|---|
| Texte erstellen, kürzen, paraphrasieren | Korrekt rechnen |
| Programmierungsaufgaben lösen | Belastbar zitieren |
| Brainstorming und Suchbegriffe vorschlagen | Sachverhalte moralisch abwägen |
| Mehrere Lösungen für ein Problem entwickeln | Nicht-online-verfügbare Literatur verarbeiten |
Klausurrelevant
Faustregel: Wenn Sie die Information relativ einfach selbst herausfinden können, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ChatGPTs Antwort belastbar ist. Für wissenschaftliche Literaturarbeit gilt: KI ist eine nützliche Hilfe, nimmt aber nicht die Arbeit ab.
Zulässigkeit von KI in DMK 1
| Anwendung | Zulässig? | Kenntlichmachung? |
|---|---|---|
| Brainstorming, Themenvorschläge, Gliederungsentwürfe | ✅ | Nein |
| Recherche und erste Hinweise zu Literatur (Vorstufe zur Originallektüre) | ✅ | Nein |
| Zusammenfassung des Forschungsstands, Texte generieren | ⚠️ | Ja, gemäß THM-Empfehlung |
| Bilder, Grafiken, Code, Mockups etc. generieren | ⚠️ | Ja, gemäß THM-Empfehlung |
| Datenanalyse und Auswertung | ⚠️ | Ja, gemäß THM-Empfehlung |
| Textfeedback, Rechtschreibprüfung, Übersetzung | ✅ | Nein |
KI-Tools für die Literaturrecherche
Semantic Scholar
Wissenschaftliche Suchmaschine speziell für Forschungsartikel.
- Gezielte Suche nach Artikeln (Stichworte, Autor*innen, Themen)
- Zeigt Abstracts und Kernaussagen („Key Points")
- Macht Zitationen und Einfluss von Artikeln sichtbar
- Schlägt verwandte Forschung automatisch vor
Info
Kein Zugriff auf alle Volltexte — häufig nur Abstracts verfügbar. URL: https://www.semanticscholar.org
Research Rabbit
Visualisiert Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Studien.
- Findet ähnliche und verwandte Artikel
- Schneeballprinzip über Vorwärts-/Rückwärtszitierungen
- Stellt Forschungsfelder als Netzwerke visuell dar
- Empfiehlt neue, relevante Studien
Info
Ergebnisse dienen zur Erweiterung der Recherche, nicht als alleinige Grundlage. URL: https://researchrabbitapp.com
Humata
KI-Tool zur Arbeit mit hochgeladenen PDFs.
- Fasst Inhalte zusammen
- Beantwortet Fragen zum Text
- Findet wichtige Textstellen
- Erklärt komplexe Inhalte einfacher
Achtung
Humata liefert keine Informationen über das hochgeladene Dokument hinaus und ermöglicht keine Anschlussrecherche. Ergebnisse immer im Originaldokument gegenchecken! Freie Version: max. 60 Seiten/Monat.
Fazit: KI in der Literaturrecherche
Wo KI hilft:
- Einstieg in die Recherche durch Suchbegriffe und Überblick
- Schnelles Finden von Literatur
- Überblick über Themengebiete und Forschungsstränge
- Verstehen von Konzepten und Theorien
Was man trotzdem selbst können muss:
- Relevante von irrelevanter Literatur unterscheiden
- Texte selbst lesen und verstehen
- Inhalte kritisch hinterfragen
- Argumente nachvollziehen und einordnen
Klausurrelevant
Text- und Leseverständnis sind nach wie vor zentrale Kompetenzen im wissenschaftlichen Arbeiten! KI ist ein hilfreiches Tool — aber kein Ersatz für das selbstständige Denken.