Pürer, Heinz (2001): Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft. Konstanz: UVK.
Zusammenfassung
Pürer führt systematisch in die Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft ein. Er unterscheidet verschiedene Arten und Ebenen von Kommunikation, stellt klassische Kommunikationsmodelle vor (Merten, Watzlawick, Bühler, Pross) und geht besonders auf Massenkommunikation und ihre historische Entwicklung ein. Der Text liefert das terminologische Fundament für das Fach.
Schlüsselbegriffe
Kommunikation (Merten)
Mertens Hierarchie der Kommunikationsformen: subanimalisch (Einzeller, keine Wahrnehmung), animalisch (Tiere, rudimentär), human (Menschen, Sprache und Symbole), Massenkommunikation (technisch vermittelt, disperses Publikum). Human Communication erfordert Intentionalität und Symbolgebrauch.
Reziprozität
Merkmal von Kommunikation: Wechselseitigkeit – Sender und Empfänger tauschen Rollen, beide beeinflussen den Kommunikationsprozess. Ohne Reziprozität (nur Einwegkommunikation) ist echter Austausch eingeschränkt.
Man kann nicht nicht kommunizieren
Watzlawicks erstes Axiom der Kommunikation: Jedes Verhalten (auch Schweigen, Wegsehen, Nichtstun) sendet eine Botschaft. Kommunikation ist unvermeidlich, solange Menschen sich in sozialer Situation befinden.
Inhalts- und Beziehungsaspekt
Watzlawicks zweites Axiom: Jede Kommunikation hat zwei Ebenen. Der Inhaltsaspekt vermittelt Information (WAS gesagt wird). Der Beziehungsaspekt gibt an, wie die Botschaft zu verstehen ist und wie Sender und Empfänger zueinander stehen (WIE es gesagt wird).
Sprachfunktionen (Bühler)
Karl Bühlers Organon-Modell unterscheidet drei Funktionen von Sprache: Darstellung (referentiell: Sachverhalte beschreiben), Ausdruck (expressiv: Gefühle und Einstellungen des Sprechers) und Appell (konativ: Aufforderung an den Empfänger).
Semiotik (Morris)
Zeichenlehre nach Charles Morris mit drei Dimensionen: Semantik (Verhältnis Zeichen–Bedeutung/Referent), Syntaktik (Verhältnis Zeichen–Zeichen/Regelstruktur) und Pragmatik (Verhältnis Zeichen–Nutzer/Verwendungssituation).
Disperses Publikum
Merkmal der Massenkommunikation (Maletzke): Das Publikum ist räumlich verstreut, unüberschaubar groß, heterogen in Zusammensetzung und anonym – die Empfänger kennen einander und den Kommunikator nicht persönlich.
Massenkommunikation (Maletzke)
Gerhard Maletzkes klassische Definition: öffentliche Kommunikation, die technisch durch Massenmedien an ein disperses Publikum gerichtet wird. Einseitig (kein direkter Rückkanal), indirekt (zeitlich/räumlich vermittelt) und öffentlich zugänglich.
Kanäle der Kommunikation
Sinneskanäle, über die Kommunikation vermittelt wird: auditiv (Hören), visuell (Sehen), taktil (Tasten/Berühren), olfaktorisch (Riechen), thermal (Wärme/Kälte wahrnehmen), gustatorisch (Schmecken). Massenmedien nutzen primär auditiv und visuell.
Kapitel 1: Kommunikation
Was ist Kommunikation?
Kommunikation bezeichnet den Prozess der Übermittlung von Informationen, Gedanken oder Gefühlen zwischen mindestens zwei Akteuren mittels Zeichen und Kanälen.
Merkmale der Kommunikation (nach verschiedenen Autoren):
- Reziprozität: Wechselseitigkeit zwischen Sender und Empfänger
- Intentionalität: Absicht zur Mitteilung (strittig: gilt auch für unbewusste Signale?)
- Anwesenheit/Interaktion: physische oder mediale Ko-Präsenz
- Sprachlichkeit: Verwendung von Zeichen und Symbolen
- Wirkung: Kommunikation verändert Wissen, Einstellungen oder Verhalten
- Reflexivität: Kommunikation über Kommunikation (Metakommunikation) ist möglich
Mertens Hierarchie der Kommunikation
Klaus Merten unterscheidet vier Stufen nach Komplexität und Voraussetzungen:
| Stufe | Form | Merkmale |
|---|---|---|
| 1 | Subanimalisch | Einzeller, chemische Reaktionen, keine Wahrnehmung im eigentlichen Sinn |
| 2 | Animalisch | Tierische Kommunikation, Signale, instinktgesteuert |
| 3 | Human | Sprache, Symbole, Intentionalität, Kultur |
| 4 | Massenkommunikation | Technisch vermittelt, disperses Publikum, öffentlich |
Kanäle der Kommunikation
Kommunikation wird über verschiedene Sinneskanäle vermittelt:
- Auditiv: Sprache, Musik, Geräusche
- Visuell: Schrift, Bild, Gestik, Mimik
- Taktil: Berührung, Handschlag
- Olfaktorisch: Gerüche (Duftmarketing)
- Thermal: Wärmewahrnehmung
- Gustatorisch: Geschmack (selten kommunikativ genutzt)
Info
Massenmedien sind auf wenige Kanäle beschränkt: Zeitung (visuell), Radio (auditiv), Fernsehen (audiovisuell). Interpersonale Kommunikation nutzt mehr Kanäle gleichzeitig.
Medienklassifikation nach Pross
Harry Pross unterscheidet drei Medienstufen nach dem Grad des Technikeinsatzes:
| Kategorie | Technikeinsatz | Beispiele |
|---|---|---|
| Primärmedien | Keine Technik | Sprache, Gestik, Mimik (nur menschlicher Körper) |
| Sekundärmedien | Nur Produktion | Buch, Zeitung, Plakat (Empfänger braucht kein Gerät) |
| Tertiärmedien | Produktion + Rezeption | Radio, TV, Telefon (beide Seiten brauchen Geräte) |
Watzlawicks Kommunikationsaxiome
Paul Watzlawick, Janet Beavin und Don D. Jackson (1969) formulieren in Menschliche Kommunikation pragmatische Axiome:
1. Axiom – Nicht-Nicht-Kommunizieren:
„Man kann nicht nicht kommunizieren."
Jedes Verhalten – auch Schweigen, Wegsehen, Unbewegtsein – hat Mitteilungscharakter. In sozialen Situationen ist Kommunikation unvermeidlich.
2. Axiom – Inhalts- und Beziehungsaspekt:
Jede Kommunikation hat zwei Ebenen:
- Inhaltsaspekt: Die sachliche Information (Was wird gesagt?)
- Beziehungsaspekt: Wie ist die Botschaft zu verstehen? (Wie stehen Sender und Empfänger zueinander?)
Der Beziehungsaspekt qualifiziert den Inhaltsaspekt. Kommunikationsstörungen entstehen oft, wenn beide Ebenen vermischt werden.
Klausurrelevant
„Der Beziehungsaspekt klassifiziert den Inhaltsaspekt und ist damit eine Metakommunikation." Gestik, Tonfall und Kontext prägen, wie eine Aussage verstanden wird – unabhängig von ihrem wörtlichen Inhalt.
Bühlers Sprachfunktionen (Organon-Modell)
Karl Bühler unterscheidet drei Funktionen sprachlicher Zeichen:
- Darstellungsfunktion (referentiell): Das Zeichen repräsentiert Gegenstände und Sachverhalte in der Welt. Sprache als Abbild der Realität.
- Ausdrucksfunktion (expressiv): Das Zeichen drückt die inneren Zustände des Sprechers aus – Gefühle, Einstellungen, Intentionen.
- Appellfunktion (konativ): Das Zeichen richtet sich an den Empfänger und soll sein Verhalten oder Denken beeinflussen.
Semiotik nach Morris
Charles Morris entwickelt die Zeichenlehre in drei Dimensionen:
- Semantik: Beziehung zwischen Zeichen und dem Bezeichneten (Bedeutung, Referenz)
- Syntaktik: Beziehung zwischen Zeichen untereinander (Grammatik, Regeln)
- Pragmatik: Beziehung zwischen Zeichen und Nutzern (Verwendungssituation, Wirkung)
Arten der Kommunikation
| Art | Merkmale |
|---|---|
| Intrapersonal | Selbstgespräch, innerer Monolog |
| Interpersonal | Zwischen zwei Personen, Face-to-Face oder medial |
| Gruppenkommunikation | Kleine überschaubare Gruppe, direkte Interaktion |
| Organisationskommunikation | Formale Strukturen, Hierarchien |
| Massenkommunikation | Öffentlich, technisch vermittelt, disperses Publikum |
Kapitel 2: Massenkommunikation
Geschichte der Massenkommunikation
Massenkommunikation entsteht schrittweise durch technische Innovationen:
| Epoche | Entwicklung |
|---|---|
| Antike | Schrift als erste Informationsspeicherung |
| 15. Jahrhundert | Gutenbergs Buchdruck (1450) – erste Massenproduktion von Texten |
| 16.–18. Jh. | Zeitungen, Flugschriften, politische Öffentlichkeit |
| 19. Jahrhundert | Telegraf, Telefon, Massenauflagen |
| 20. Jahrhundert | Radio (1920er), Fernsehen (1950er), Internet (1990er) |
Maletzkes Definition der Massenkommunikation
Gerhard Maletzke (1963) liefert die klassische wissenschaftliche Definition:
Massenkommunikation ist jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (für alle zugänglich), durch technische Verbreitungsmittel (Massenmedien), indirekt (ohne persönlichen Kontakt) und einseitig (ohne Rollenwechsel) an ein disperses Publikum vermittelt werden.
Merkmale des dispersen Publikums:
- Unüberschaubar groß: keine definierbare Gesamtmenge
- Heterogen: unterschiedliche Zusammensetzung (Alter, Bildung, Interessen)
- Anonym: Kommunikator kennt Empfänger nicht persönlich
- Räumlich verstreut: keine gemeinsame physische Anwesenheit
Terminologie der Massenkommunikation
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Kommunikator | Sender/Produzent der Medienaussagen (Journalist, Regisseur) |
| Aussage | Inhalt/Botschaft des Mediums |
| Medium | Technischer Kanal der Verbreitung |
| Rezipient | Empfänger/Publikum |
| Wirkung | Effekte auf Wissen, Einstellungen, Verhalten |
Info
Interpersonale Kommunikation und Massenkommunikation unterscheiden sich vor allem in der Möglichkeit des Rollentauschs: Beim Gespräch können Sender und Empfänger die Rollen sofort wechseln; bei Massenmedien (klassisch) ist das nicht möglich.
Lernkarten
Übungsfragen
Was besagt Watzlawicks Axiom 'Man kann nicht nicht kommunizieren'?
Welche drei Funktionen unterscheidet Bühlers Organon-Modell?
Was unterscheidet Sekundär- von Tertiärmedien nach Pross?
Welches Merkmal gehört NICHT zum dispersen Publikum bei Maletzke?