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Pflichttext 02: Pürer – Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft

29. April 2026DMK 1
Pürer, Heinz (2001): Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft. Konstanz: UVK.

Zusammenfassung

Pürer führt systematisch in die Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft ein. Er unterscheidet verschiedene Arten und Ebenen von Kommunikation, stellt klassische Kommunikationsmodelle vor (Merten, Watzlawick, Bühler, Pross) und geht besonders auf Massenkommunikation und ihre historische Entwicklung ein. Der Text liefert das terminologische Fundament für das Fach.

Schlüsselbegriffe

Kommunikation (Merten)

Mertens Hierarchie der Kommunikationsformen: subanimalisch (Einzeller, keine Wahrnehmung), animalisch (Tiere, rudimentär), human (Menschen, Sprache und Symbole), Massenkommunikation (technisch vermittelt, disperses Publikum). Human Communication erfordert Intentionalität und Symbolgebrauch.

Reziprozität

Merkmal von Kommunikation: Wechselseitigkeit – Sender und Empfänger tauschen Rollen, beide beeinflussen den Kommunikationsprozess. Ohne Reziprozität (nur Einwegkommunikation) ist echter Austausch eingeschränkt.

Man kann nicht nicht kommunizieren

Watzlawicks erstes Axiom der Kommunikation: Jedes Verhalten (auch Schweigen, Wegsehen, Nichtstun) sendet eine Botschaft. Kommunikation ist unvermeidlich, solange Menschen sich in sozialer Situation befinden.

Inhalts- und Beziehungsaspekt

Watzlawicks zweites Axiom: Jede Kommunikation hat zwei Ebenen. Der Inhaltsaspekt vermittelt Information (WAS gesagt wird). Der Beziehungsaspekt gibt an, wie die Botschaft zu verstehen ist und wie Sender und Empfänger zueinander stehen (WIE es gesagt wird).

Sprachfunktionen (Bühler)

Karl Bühlers Organon-Modell unterscheidet drei Funktionen von Sprache: Darstellung (referentiell: Sachverhalte beschreiben), Ausdruck (expressiv: Gefühle und Einstellungen des Sprechers) und Appell (konativ: Aufforderung an den Empfänger).

Semiotik (Morris)

Zeichenlehre nach Charles Morris mit drei Dimensionen: Semantik (Verhältnis Zeichen–Bedeutung/Referent), Syntaktik (Verhältnis Zeichen–Zeichen/Regelstruktur) und Pragmatik (Verhältnis Zeichen–Nutzer/Verwendungssituation).

Disperses Publikum

Merkmal der Massenkommunikation (Maletzke): Das Publikum ist räumlich verstreut, unüberschaubar groß, heterogen in Zusammensetzung und anonym – die Empfänger kennen einander und den Kommunikator nicht persönlich.

Massenkommunikation (Maletzke)

Gerhard Maletzkes klassische Definition: öffentliche Kommunikation, die technisch durch Massenmedien an ein disperses Publikum gerichtet wird. Einseitig (kein direkter Rückkanal), indirekt (zeitlich/räumlich vermittelt) und öffentlich zugänglich.

Kanäle der Kommunikation

Sinneskanäle, über die Kommunikation vermittelt wird: auditiv (Hören), visuell (Sehen), taktil (Tasten/Berühren), olfaktorisch (Riechen), thermal (Wärme/Kälte wahrnehmen), gustatorisch (Schmecken). Massenmedien nutzen primär auditiv und visuell.

Kapitel 1: Kommunikation

Was ist Kommunikation?

Kommunikation bezeichnet den Prozess der Übermittlung von Informationen, Gedanken oder Gefühlen zwischen mindestens zwei Akteuren mittels Zeichen und Kanälen.
Merkmale der Kommunikation (nach verschiedenen Autoren):
  • Reziprozität: Wechselseitigkeit zwischen Sender und Empfänger
  • Intentionalität: Absicht zur Mitteilung (strittig: gilt auch für unbewusste Signale?)
  • Anwesenheit/Interaktion: physische oder mediale Ko-Präsenz
  • Sprachlichkeit: Verwendung von Zeichen und Symbolen
  • Wirkung: Kommunikation verändert Wissen, Einstellungen oder Verhalten
  • Reflexivität: Kommunikation über Kommunikation (Metakommunikation) ist möglich

Mertens Hierarchie der Kommunikation

Klaus Merten unterscheidet vier Stufen nach Komplexität und Voraussetzungen:
StufeFormMerkmale
1SubanimalischEinzeller, chemische Reaktionen, keine Wahrnehmung im eigentlichen Sinn
2AnimalischTierische Kommunikation, Signale, instinktgesteuert
3HumanSprache, Symbole, Intentionalität, Kultur
4MassenkommunikationTechnisch vermittelt, disperses Publikum, öffentlich

Kanäle der Kommunikation

Kommunikation wird über verschiedene Sinneskanäle vermittelt:
  • Auditiv: Sprache, Musik, Geräusche
  • Visuell: Schrift, Bild, Gestik, Mimik
  • Taktil: Berührung, Handschlag
  • Olfaktorisch: Gerüche (Duftmarketing)
  • Thermal: Wärmewahrnehmung
  • Gustatorisch: Geschmack (selten kommunikativ genutzt)
Info
Massenmedien sind auf wenige Kanäle beschränkt: Zeitung (visuell), Radio (auditiv), Fernsehen (audiovisuell). Interpersonale Kommunikation nutzt mehr Kanäle gleichzeitig.

Medienklassifikation nach Pross

Harry Pross unterscheidet drei Medienstufen nach dem Grad des Technikeinsatzes:
KategorieTechnikeinsatzBeispiele
PrimärmedienKeine TechnikSprache, Gestik, Mimik (nur menschlicher Körper)
SekundärmedienNur ProduktionBuch, Zeitung, Plakat (Empfänger braucht kein Gerät)
TertiärmedienProduktion + RezeptionRadio, TV, Telefon (beide Seiten brauchen Geräte)

Watzlawicks Kommunikationsaxiome

Paul Watzlawick, Janet Beavin und Don D. Jackson (1969) formulieren in Menschliche Kommunikation pragmatische Axiome:
1. Axiom – Nicht-Nicht-Kommunizieren:
„Man kann nicht nicht kommunizieren."
Jedes Verhalten – auch Schweigen, Wegsehen, Unbewegtsein – hat Mitteilungscharakter. In sozialen Situationen ist Kommunikation unvermeidlich.
2. Axiom – Inhalts- und Beziehungsaspekt:
Jede Kommunikation hat zwei Ebenen:
  • Inhaltsaspekt: Die sachliche Information (Was wird gesagt?)
  • Beziehungsaspekt: Wie ist die Botschaft zu verstehen? (Wie stehen Sender und Empfänger zueinander?)
Der Beziehungsaspekt qualifiziert den Inhaltsaspekt. Kommunikationsstörungen entstehen oft, wenn beide Ebenen vermischt werden.
Klausurrelevant
„Der Beziehungsaspekt klassifiziert den Inhaltsaspekt und ist damit eine Metakommunikation." Gestik, Tonfall und Kontext prägen, wie eine Aussage verstanden wird – unabhängig von ihrem wörtlichen Inhalt.

Bühlers Sprachfunktionen (Organon-Modell)

Karl Bühler unterscheidet drei Funktionen sprachlicher Zeichen:
  1. Darstellungsfunktion (referentiell): Das Zeichen repräsentiert Gegenstände und Sachverhalte in der Welt. Sprache als Abbild der Realität.
  2. Ausdrucksfunktion (expressiv): Das Zeichen drückt die inneren Zustände des Sprechers aus – Gefühle, Einstellungen, Intentionen.
  3. Appellfunktion (konativ): Das Zeichen richtet sich an den Empfänger und soll sein Verhalten oder Denken beeinflussen.

Semiotik nach Morris

Charles Morris entwickelt die Zeichenlehre in drei Dimensionen:
  • Semantik: Beziehung zwischen Zeichen und dem Bezeichneten (Bedeutung, Referenz)
  • Syntaktik: Beziehung zwischen Zeichen untereinander (Grammatik, Regeln)
  • Pragmatik: Beziehung zwischen Zeichen und Nutzern (Verwendungssituation, Wirkung)

Arten der Kommunikation

ArtMerkmale
IntrapersonalSelbstgespräch, innerer Monolog
InterpersonalZwischen zwei Personen, Face-to-Face oder medial
GruppenkommunikationKleine überschaubare Gruppe, direkte Interaktion
OrganisationskommunikationFormale Strukturen, Hierarchien
MassenkommunikationÖffentlich, technisch vermittelt, disperses Publikum

Kapitel 2: Massenkommunikation

Geschichte der Massenkommunikation

Massenkommunikation entsteht schrittweise durch technische Innovationen:
EpocheEntwicklung
AntikeSchrift als erste Informationsspeicherung
15. JahrhundertGutenbergs Buchdruck (1450) – erste Massenproduktion von Texten
16.–18. Jh.Zeitungen, Flugschriften, politische Öffentlichkeit
19. JahrhundertTelegraf, Telefon, Massenauflagen
20. JahrhundertRadio (1920er), Fernsehen (1950er), Internet (1990er)

Maletzkes Definition der Massenkommunikation

Gerhard Maletzke (1963) liefert die klassische wissenschaftliche Definition:
Massenkommunikation ist jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (für alle zugänglich), durch technische Verbreitungsmittel (Massenmedien), indirekt (ohne persönlichen Kontakt) und einseitig (ohne Rollenwechsel) an ein disperses Publikum vermittelt werden.
Merkmale des dispersen Publikums:
  • Unüberschaubar groß: keine definierbare Gesamtmenge
  • Heterogen: unterschiedliche Zusammensetzung (Alter, Bildung, Interessen)
  • Anonym: Kommunikator kennt Empfänger nicht persönlich
  • Räumlich verstreut: keine gemeinsame physische Anwesenheit

Terminologie der Massenkommunikation

BegriffBedeutung
KommunikatorSender/Produzent der Medienaussagen (Journalist, Regisseur)
AussageInhalt/Botschaft des Mediums
MediumTechnischer Kanal der Verbreitung
RezipientEmpfänger/Publikum
WirkungEffekte auf Wissen, Einstellungen, Verhalten
Info
Interpersonale Kommunikation und Massenkommunikation unterscheiden sich vor allem in der Möglichkeit des Rollentauschs: Beim Gespräch können Sender und Empfänger die Rollen sofort wechseln; bei Massenmedien (klassisch) ist das nicht möglich.

Lernkarten

Frage

Was besagt Watzlawicks erstes Kommunikationsaxiom?

Antwort

'Man kann nicht nicht kommunizieren.' Jedes Verhalten – auch Schweigen, Wegsehen oder Unbewegtsein – hat in sozialen Situationen Mitteilungscharakter. Kommunikation ist in Anwesenheit anderer unvermeidlich.

Frage

Was sind Inhalts- und Beziehungsaspekt bei Watzlawick?

Antwort

Jede Kommunikation hat zwei Ebenen: Der Inhaltsaspekt übermittelt die sachliche Information (WAS gesagt wird). Der Beziehungsaspekt gibt an, wie die Botschaft zu verstehen ist und wie Sender/Empfänger zueinander stehen (WIE es gesagt wird). Der Beziehungsaspekt qualifiziert den Inhaltsaspekt.

Frage

Welche drei Sprachfunktionen unterscheidet Bühler?

Antwort

1. Darstellung (referentiell): Zeichen als Abbild von Sachverhalten. 2. Ausdruck (expressiv): Zeichen drückt innere Zustände des Sprechers aus. 3. Appell (konativ): Zeichen richtet sich an den Empfänger, um sein Verhalten zu beeinflussen.

Frage

Was sind die drei Dimensionen der Semiotik nach Morris?

Antwort

Semantik (Verhältnis Zeichen–Bedeutung), Syntaktik (Verhältnis Zeichen–Zeichen, Regelstruktur) und Pragmatik (Verhältnis Zeichen–Nutzer, Verwendungssituation).

Frage

Was kennzeichnet das disperse Publikum bei Maletzke?

Antwort

Das Publikum der Massenkommunikation ist unüberschaubar groß, heterogen in seiner Zusammensetzung, anonym (Kommunikator und Empfänger kennen sich nicht) und räumlich verstreut – keine gemeinsame physische Anwesenheit.

Frage

Wie definiert Maletzke Massenkommunikation?

Antwort

Öffentliche Kommunikation, die durch technische Verbreitungsmittel (Massenmedien) indirekt (ohne persönlichen Kontakt) und einseitig (ohne direkten Rollenwechsel) an ein disperses Publikum gerichtet wird.

Übungsfragen

Was besagt Watzlawicks Axiom 'Man kann nicht nicht kommunizieren'?

Welche drei Funktionen unterscheidet Bühlers Organon-Modell?

Was unterscheidet Sekundär- von Tertiärmedien nach Pross?

Welches Merkmal gehört NICHT zum dispersen Publikum bei Maletzke?