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DMK 1
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DMK 1 – Medien

22. April 2026DMK 1
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Zusammenfassung

Diese Vorlesung führt in die Grundlagen der Medienwissenschaft ein und fragt: Was sind Medien überhaupt? Der Begriff "Medium" ist etymologisch vieldeutig und wird in verschiedenen Diskursen unterschiedlich verwendet. Die Vorlesung stellt zentrale Medientheorien vor – von Luhmanns Systemtheorie über McLuhans "The medium is the message" bis zu Kittlers technologischem Ansatz – und erarbeitet verschiedene Klassifikationssysteme für Medien nach Sinneskanal, Technikeinsatz, Zeichensystem, Format und gesellschaftlicher Funktion. Abschließend wird das Konzept der Leitmedien eingeführt, das beschreibt, welche Einzelmedien in einer Epoche den größten gesellschaftlichen Einfluss ausüben.

Schlüsselbegriffe

Medium
Vom lateinischen medius (Mitte, Vermittelndes): ein Träger, Kanal oder Werkzeug zur Übertragung und Speicherung von Informationen und Bedeutungen zwischen Kommunikationspartnern.
Mediales Apriori
Nach Luhmann: Medien sind die Voraussetzung für Wahrnehmung und Kommunikation – alles, was wir wissen, wissen wir durch Medien. Sie formen, was wir überhaupt wahrnehmen können.
The medium is the message
McLuhans Kernthese: Nicht der Inhalt, sondern das Medium selbst prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und gesellschaftliche Strukturen formen. Das Medium verändert den Menschen.
Extensions of Man
McLuhans Konzept: Medien sind Verlängerungen menschlicher Sinne und Fähigkeiten (z.B. Rad = Verlängerung des Fußes, Buch = Verlängerung des Auges).
Primäre Medien
Nach Pross/Faßler: Medien ohne Technik – Sprache, Gestik, Mimik. Nur der menschliche Körper ist beteiligt.
Sekundäre Medien
Nach Pross/Faßler: Technik auf Produktionsseite, nicht auf Rezeptionsseite (z.B. Buch, Zeitung, Plakat). Der Empfänger braucht kein Gerät.
Tertiäre Medien
Nach Pross/Faßler: Technik auf beiden Seiten – Produktion UND Rezeption erfordern Geräte (z.B. Telefon, Radio, Fernsehen).
Quartäre Medien
Nach Faßler: Digitale Netzwerkmedien mit Rückkanal und variablen Nutzerrollen (z.B. Internet). Sender und Empfänger können die Rollen tauschen.
Leitmedium
Nach Wilke: Ein Einzelmedium mit Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und besonders starkem Einfluss auf öffentliche Meinung und andere Massenmedien.
Technikdeterminismus
Ansicht, dass Technik und Medientechnologien gesellschaftliche Entwicklung kausal bestimmen. Vertreter: McLuhan, Kittler.
Gesellschaftliche Funktionen von Medien
Nach Saxer: Information, Sozialisation/Orientierung, Unterhaltung/Rekreation, Integration/Legitimation – Medien erfüllen systemische Aufgaben in der Gesellschaft.

Kernkonzepte

Was bedeutet der Begriff "Medium"?

Der Begriff stammt vom lateinischen medius (Mitte) und bezeichnet das Vermittelnde zwischen zwei Seiten. Das Wort taucht in verschiedenen Diskursen auf:

  • Alltagssprache: Träger von Informationen (Zeitung, TV, Internet)
  • Kunstgeschichte: Material des Künstlers (Öl auf Leinwand)
  • Esoterik: Person als Mittler zur Geisterwelt
  • Technik: Übertragungskanal (Datenmedium, Speichermedium)
Info

Der Medienbegriff ist bewusst multidiskursiv und nicht auf eine einzige Definition festzulegen. Die Vorlesung arbeitet mit dieser Vieldeutigkeit als analytischer Ressource.

Luhmann: Medien als Voraussetzung von Wahrnehmung

Niklas Luhmann stellt in seiner Systemtheorie eine radikale These auf: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien. Medien sind kein neutrales Durchgangsmedium – sie konstituieren erst, was wir wahrnehmen können. Dieses mediale Apriori bedeutet:

  • Medien formen unsere Wirklichkeitskonstruktion
  • Ohne Medien kein gesellschaftliches Wissen
  • Massenmedien schaffen und reproduzieren gesellschaftliche Realität
Klausurrelevant

Luhmanns Kernaussage: Medien sind nicht nur Transportmittel für Inhalte, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation überhaupt.

McLuhan: "The medium is the message"

Marshall McLuhan (1964, Understanding Media) entwickelt die einflussreichste These der Medientheorie:

Das Medium selbst ist die eigentliche Botschaft – nicht der transportierte Inhalt. Das Medium prägt:

  • unsere Wahrnehmungsstruktur
  • gesellschaftliche Ordnung und Kommunikationsformen
  • wie Menschen die Welt erleben

Medien als Extensions of Man (Verlängerungen des Menschen):

  • Rad → Verlängerung des Fußes
  • Buch → Verlängerung des Auges
  • Kleidung → Verlängerung der Haut
  • Elektrische Medien → Verlängerung des Nervensystems
Klausurrelevant

McLuhan ist Technikdeterminist: Die Technologie des Mediums bestimmt gesellschaftliche Strukturen, nicht der Inhalt. Diese These ist bis heute umstritten, aber zentral für die Medientheorie.

Tipp

Merkhilfe: Stell dir vor, ob eine Nachricht per Brief, SMS oder persönlich übermittelt wird – der Inhalt ist gleich, aber die Wirkung unterscheidet sich völlig. Das Medium selbst kommuniziert etwas.

Kittler vs. McLuhan: Zwei Linien der Medientheorie

Die Vorlesung unterscheidet zwei Grundhaltungen:

McLuhan (anthropologisch)Kittler (technologisch)
FokusMensch im MittelpunktTechnik im Mittelpunkt
Medien als...Erweiterungen des MenschenEigenständige technische Systeme
Blick auf TechnikTechnik dient dem MenschenTechnik formt den Menschen
AnsatzKulturkritisch-humanistischStrukturalistisch-technisch
Info

Burkhardt (2015) ergänzt mit dem Konzept medialer Konfigurationen: Medien formen ihre Inhalte durch ihre eigene Materialität und Kulturtechnik.

Klassifikation von Medien: 5 Perspektiven

Medien können unter dem Oberbegriff Mitte/Vermittelndes aus fünf verschiedenen Perspektiven klassifiziert werden:

1. Wahrnehmungsmedien (nach Sinnen/Kanal)

  • Auditiv (Hören): Radio, Podcast
  • Visuell (Sehen): Buch, Plakat, Film
  • Audiovisuell: Fernsehen, Video
  • Haptisch (Tasten): Braille-Schrift
  • Olfaktorisch (Riechen): Duftmarketing

2. Technische Speicher-/Verarbeitungsmedien (nach Technikeinsatz)

Das Modell von Pross (1972) und Faßler (2003) gliedert in vier Stufen:

KategorieTechnikBeispiele
PrimärKeine TechnikSprache, Gestik, Mimik
SekundärNur ProduktionBuch, Zeitung, Plakat
TertiärProduktion + RezeptionRadio, TV, Telefon
QuartärNetzwerk + RückkanalInternet, Social Media
Klausurrelevant

Die 4-Stufen-Klassifikation Primär/Sekundär/Tertiär/Quartär ist klausurrelevant. Primärmedien brauchen KEINE Technik; bei Sekundärmedien braucht nur der Produzent Technik; bei Tertiärmedien brauchen BEIDE Technik; Quartärmedien ermöglichen variablen Rollentausch.

3. Semiotische Kommunikationsmittel (nach Zeichensystem)

Klassifikation nach Zeichensystem und Bedeutung (wird in der nächsten Sitzung vertieft):

  • Schrift, Bild, Zahl, Ton

4. Medienformen und Formate

  • Buch, Zeitung, Film, Serien, Radiosendung, Game…

5. Gesellschaftliche Funktionen (nach Saxer)

  • Information: Nachrichtenversorgung der Öffentlichkeit
  • Sozialisation/Orientierung: Wertevermittlung, gesellschaftliche Integration
  • Unterhaltung/Rekreation: Entspannung, Eskapismus
  • Integration/Legitimation: Bildung von Öffentlichkeit, demokratische Funktion
  • Speicher/Kulturerbe: Gedächtnis der Gesellschaft

Leitmedien

Nach Jürgen Wilke sind Leitmedien diejenigen Einzelmedien, denen eine Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt und die einen besonders starken Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben.

Historische Entwicklung der Leitmedien:

EpocheLeitmedium
Mittelalter und frühe NeuzeitFlugschrift
Ab 16. JahrhundertBuch
Ab 19. JahrhundertZeitung
1930er–1950er JahreHörfunk
Ab 1960er JahreFernsehen
Beginn 21. JahrhundertFernsehen + Internet
Info

Leitmedien lösen sich nicht gegenseitig ab, sondern ergänzen sich. Ältere Medien übernehmen neue Rollen, wenn ein neues Leitmedium entsteht.

Zusammenfassung: Wie lassen sich Medien beschreiben?

Die Vorlesung schließt mit fünf Kernthesen:

  1. Wahrnehmungsvermittler: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien (Luhmann)
  2. Technische Speicher- und Verbreitungsmittel: Medien überbrücken Raum und Zeit
  3. Semiotische Kommunikationsmittel: Medien übermitteln mit Zeichen und Symbolen Bedeutung
  4. Kulturtechniken: Medien erlegen dem Inhalt ihre Formen und Gebrauchsweisen auf
  5. Gesellschaftliche Systeme: Medien haben weitreichende individuelle und gesellschaftliche Funktionen (Vernetzung, Öffentlichkeit, kulturelles Gedächtnis)

Lernkarten

Frage

Was beschreibt McLuhans Kernthese?

Antwort

Das Medium ist die Botschaft: Nicht der Inhalt, sondern das Medium selbst prägt unsere Wahrnehmungsstruktur und gesellschaftliche Ordnung, unabhängig davon, was es transportiert.

Frage

Was versteht McLuhan unter Extensions of Man?

Antwort

Medien sind Verlängerungen menschlicher Sinne und Fähigkeiten: Das Rad verlängert den Fuß, das Buch das Auge, Kleidung die Haut, elektrische Medien das Nervensystem.

Frage

Was sind Primärmedien nach Pross?

Antwort

Medien ohne jeglichen Technikeinsatz – nur der menschliche Körper ist beteiligt. Beispiele: gesprochene Sprache, Gestik, Mimik, Tanz.

Frage

Was unterscheidet Sekundär- von Tertiärmedien?

Antwort

Sekundärmedien benötigen Technik nur auf der Produktionsseite (z.B. Druckpresse für die Zeitung), nicht beim Empfänger. Tertiärmedien benötigen Technik auf BEIDEN Seiten: Produzent UND Rezipient brauchen ein Gerät (z.B. Radio).

Frage

Was sind Quartärmedien?

Antwort

Nach Faßler: Digitale Netzwerkmedien mit Rückkanal, bei denen Sender- und Empfängerrollen variabel und austauschbar sind. Beispiel: Internet, Social Media.

Frage

Was ist ein Leitmedium nach Wilke?

Antwort

Ein Einzelmedium, das eine Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und Öffentlichkeit hat und starken Einfluss auf die öffentliche Meinung sowie andere Massenmedien ausübt.

Frage

Was meint Luhmanns mediales Apriori?

Antwort

Medien sind die Voraussetzung von Wahrnehmung und Kommunikation: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien. Medien formen, was wir überhaupt wahrnehmen können.

Frage

Wie unterscheiden sich McLuhan und Kittler?

Antwort

McLuhan verfolgt einen anthropologischen Ansatz: Medien sind Verlängerungen des Menschen. Kittler verfolgt einen technologischen Ansatz: Medien sind eigenständige technische Systeme, die den Menschen formen.

Übungsfragen