Zusammenfassung
Diese Vorlesung führt in die Grundlagen der Medienwissenschaft ein und fragt: Was sind Medien überhaupt? Der Begriff "Medium" ist etymologisch vieldeutig und wird in verschiedenen Diskursen unterschiedlich verwendet. Die Vorlesung stellt zentrale Medientheorien vor – von Luhmanns Systemtheorie über McLuhans "The medium is the message" bis zu Kittlers technologischem Ansatz – und erarbeitet verschiedene Klassifikationssysteme für Medien nach Sinneskanal, Technikeinsatz, Zeichensystem, Format und gesellschaftlicher Funktion. Abschließend wird das Konzept der Leitmedien eingeführt, das beschreibt, welche Einzelmedien in einer Epoche den größten gesellschaftlichen Einfluss ausüben.
Schlüsselbegriffe
Medium
Vom lateinischen medius (Mitte, Vermittelndes): ein Träger, Kanal oder Werkzeug zur Übertragung und Speicherung von Informationen und Bedeutungen zwischen Kommunikationspartnern.
Mediales Apriori
Nach Luhmann: Medien sind die Voraussetzung für Wahrnehmung und Kommunikation – alles, was wir wissen, wissen wir durch Medien. Sie formen, was wir überhaupt wahrnehmen können.
The medium is the message
McLuhans Kernthese: Nicht der Inhalt, sondern das Medium selbst prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und gesellschaftliche Strukturen formen. Das Medium verändert den Menschen.
Extensions of Man
McLuhans Konzept: Medien sind Verlängerungen menschlicher Sinne und Fähigkeiten (z.B. Rad = Verlängerung des Fußes, Buch = Verlängerung des Auges).
Primäre Medien
Nach Pross/Faßler: Medien ohne Technik – Sprache, Gestik, Mimik. Nur der menschliche Körper ist beteiligt.
Sekundäre Medien
Nach Pross/Faßler: Technik auf Produktionsseite, nicht auf Rezeptionsseite (z.B. Buch, Zeitung, Plakat). Der Empfänger braucht kein Gerät.
Tertiäre Medien
Nach Pross/Faßler: Technik auf beiden Seiten – Produktion UND Rezeption erfordern Geräte (z.B. Telefon, Radio, Fernsehen).
Quartäre Medien
Nach Faßler: Digitale Netzwerkmedien mit Rückkanal und variablen Nutzerrollen (z.B. Internet). Sender und Empfänger können die Rollen tauschen.
Leitmedium
Nach Wilke: Ein Einzelmedium mit Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und besonders starkem Einfluss auf öffentliche Meinung und andere Massenmedien.
Technikdeterminismus
Ansicht, dass Technik und Medientechnologien gesellschaftliche Entwicklung kausal bestimmen. Vertreter: McLuhan, Kittler.
Gesellschaftliche Funktionen von Medien
Nach Saxer: Information, Sozialisation/Orientierung, Unterhaltung/Rekreation, Integration/Legitimation – Medien erfüllen systemische Aufgaben in der Gesellschaft.
Kulturtechnik
Eine gesellschaftlich tradierte Methode zur Bewältigung und Gestaltung des Alltags mithilfe von Symbol- und Zeichensystemen (z. B. Schreiben, Rechnen, Lesen).
Eskapismus
Die Flucht aus der Realität in eine fiktive Medienwelt, häufig als Motiv für Medienkonsum im Rahmen der Unterhaltungsfunktion.
Kernkonzepte
Was bedeutet der Begriff "Medium"?
Der Begriff stammt vom lateinischen medius (Mitte) und bezeichnet das Vermittelnde zwischen zwei Seiten. Das Wort taucht in verschiedenen Diskursen auf:
- Alltagssprache: Träger von Informationen (Zeitung, TV, Internet)
- Kunstgeschichte: Material des Künstlers (Öl auf Leinwand)
- Esoterik: Person als Mittler zur Geisterwelt
- Technik: Übertragungskanal (Datenmedium, Speichermedium)
Info
Der Medienbegriff ist bewusst multidiskursiv und nicht auf eine einzige Definition festzulegen. Die Vorlesung arbeitet mit dieser Vieldeutigkeit als analytischer Ressource.
Luhmann: Medien als Voraussetzung von Wahrnehmung
Niklas Luhmann stellt in seiner Systemtheorie eine radikale These auf: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien. Medien sind kein neutrales Durchgangsmedium – sie konstituieren erst, was wir wahrnehmen können. Dieses mediale Apriori bedeutet:
- Medien formen unsere Wirklichkeitskonstruktion
- Ohne Medien kein gesellschaftliches Wissen
- Massenmedien schaffen und reproduzieren gesellschaftliche Realität
Klausurrelevant
Luhmanns Kernaussage: Medien sind nicht nur Transportmittel für Inhalte, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation überhaupt.
McLuhan: "The medium is the message"
Marshall McLuhan (1964, Understanding Media) entwickelt die einflussreichste These der Medientheorie:
Das Medium selbst ist die eigentliche Botschaft – nicht der transportierte Inhalt. Das Medium prägt:
- unsere Wahrnehmungsstruktur
- gesellschaftliche Ordnung und Kommunikationsformen
- wie Menschen die Welt erleben
Medien als Extensions of Man (Verlängerungen des Menschen):
- Rad → Verlängerung des Fußes
- Buch → Verlängerung des Auges
- Kleidung → Verlängerung der Haut
- Elektrische Medien → Verlängerung des Nervensystems
Klausurrelevant
McLuhan ist Technikdeterminist: Die Technologie des Mediums bestimmt gesellschaftliche Strukturen, nicht der Inhalt. Diese These ist bis heute umstritten, aber zentral für die Medientheorie.
Tipp
Merkhilfe: Stell dir vor, ob eine Nachricht per Brief, SMS oder persönlich übermittelt wird – der Inhalt ist gleich, aber die Wirkung unterscheidet sich völlig. Das Medium selbst kommuniziert etwas.
Kittler vs. McLuhan: Zwei Linien der Medientheorie
Die Vorlesung unterscheidet zwei Grundhaltungen:
| McLuhan (anthropologisch) | Kittler (technologisch) | |
|---|---|---|
| Fokus | Mensch im Mittelpunkt | Technik im Mittelpunkt |
| Medien als... | Erweiterungen des Menschen | Eigenständige technische Systeme |
| Blick auf Technik | Technik dient dem Menschen | Technik formt den Menschen |
| Ansatz | Kulturkritisch-humanistisch | Strukturalistisch-technisch |
Info
Burkhardt (2015) ergänzt mit dem Konzept medialer Konfigurationen: Medien formen ihre Inhalte durch ihre eigene Materialität und Kulturtechnik.
Klassifikation von Medien: 5 Perspektiven
Medien können unter dem Oberbegriff Mitte/Vermittelndes aus fünf verschiedenen Perspektiven klassifiziert werden:
1. Wahrnehmungsmedien (nach Sinnen/Kanal)
- Auditiv (Hören): Radio, Podcast
- Visuell (Sehen): Buch, Plakat, Film
- Audiovisuell: Fernsehen, Video
- Haptisch (Tasten): Braille-Schrift
- Olfaktorisch (Riechen): Duftmarketing
2. Technische Speicher-/Verarbeitungsmedien (nach Technikeinsatz)
Das Modell von Pross (1972) und Faßler (2003) gliedert in vier Stufen:
| Kategorie | Technik | Beispiele |
|---|---|---|
| Primär | Keine Technik | Sprache, Gestik, Mimik |
| Sekundär | Nur Produktion | Buch, Zeitung, Plakat |
| Tertiär | Produktion + Rezeption | Radio, TV, Telefon |
| Quartär | Netzwerk + Rückkanal | Internet, Social Media |
Klausurrelevant
Die 4-Stufen-Klassifikation Primär/Sekundär/Tertiär/Quartär ist klausurrelevant. Primärmedien brauchen KEINE Technik; bei Sekundärmedien braucht nur der Produzent Technik; bei Tertiärmedien brauchen BEIDE Technik; Quartärmedien ermöglichen variablen Rollentausch.
3. Semiotische Kommunikationsmittel (nach Zeichensystem)
Klassifikation nach Zeichensystem und Bedeutung (wird in der nächsten Sitzung vertieft):
- Schrift, Bild, Zahl, Ton
4. Medienformen und Formate
- Buch, Zeitung, Film, Serien, Radiosendung, Game…
5. Gesellschaftliche Funktionen (nach Saxer)
- Information: Nachrichtenversorgung der Öffentlichkeit
- Sozialisation/Orientierung: Wertevermittlung, gesellschaftliche Integration
- Unterhaltung/Rekreation: Entspannung, Eskapismus
- Integration/Legitimation: Bildung von Öffentlichkeit, demokratische Funktion
- Speicher/Kulturerbe: Gedächtnis der Gesellschaft
Leitmedien
Nach Jürgen Wilke sind Leitmedien diejenigen Einzelmedien, denen eine Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt und die einen besonders starken Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben.
Historische Entwicklung der Leitmedien:
| Epoche | Leitmedium |
|---|---|
| Mittelalter und frühe Neuzeit | Flugschrift |
| Ab 16. Jahrhundert | Buch |
| Ab 19. Jahrhundert | Zeitung |
| 1930er–1950er Jahre | Hörfunk |
| Ab 1960er Jahre | Fernsehen |
| Beginn 21. Jahrhundert | Fernsehen + Internet |
Info
Leitmedien lösen sich nicht gegenseitig ab, sondern ergänzen sich. Ältere Medien übernehmen neue Rollen, wenn ein neues Leitmedium entsteht.
Zusammenfassung: Wie lassen sich Medien beschreiben?
Die Vorlesung schließt mit fünf Kernthesen:
- Wahrnehmungsvermittler: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien (Luhmann)
- Technische Speicher- und Verbreitungsmittel: Medien überbrücken Raum und Zeit
- Semiotische Kommunikationsmittel: Medien übermitteln mit Zeichen und Symbolen Bedeutung
- Kulturtechniken: Medien erlegen dem Inhalt ihre Formen und Gebrauchsweisen auf
- Gesellschaftliche Systeme: Medien haben weitreichende individuelle und gesellschaftliche Funktionen (Vernetzung, Öffentlichkeit, kulturelles Gedächtnis)
Lernkarten
Übungsfragen
Was beschreibt McLuhans Formel: Das Medium ist die Botschaft?
Welches Merkmal kennzeichnet Tertiärmedien nach Pross?
Welches war das Leitmedium von der Mitte der 1930er bis Ende der 1950er Jahre?
Was bedeutet Luhmanns These über das mediale Apriori?
Welche gesellschaftliche Funktion beschreibt Saxers Kategorie Speicher/Kulturerbe?
Welche Art von Medium ist eine Tageszeitung in gedruckter Form nach der Klassifikation von Pross?
Welche gesellschaftliche Funktion von Medien nach Saxer befasst sich mit der Wertevermittlung und gesellschaftlichen Integration?