Zusammenfassung
Diese Vorlesung führt in die Grundlagen der Medienwissenschaft ein und fragt: Was sind Medien überhaupt? Der Begriff "Medium" ist etymologisch vieldeutig und wird in verschiedenen Diskursen unterschiedlich verwendet. Die Vorlesung stellt zentrale Medientheorien vor – von Luhmanns Systemtheorie über McLuhans "The medium is the message" bis zu Kittlers technologischem Ansatz – und erarbeitet verschiedene Klassifikationssysteme für Medien nach Sinneskanal, Technikeinsatz, Zeichensystem, Format und gesellschaftlicher Funktion. Abschließend wird das Konzept der Leitmedien eingeführt, das beschreibt, welche Einzelmedien in einer Epoche den größten gesellschaftlichen Einfluss ausüben.
Schlüsselbegriffe
Kernkonzepte
Was bedeutet der Begriff "Medium"?
Der Begriff stammt vom lateinischen medius (Mitte) und bezeichnet das Vermittelnde zwischen zwei Seiten. Das Wort taucht in verschiedenen Diskursen auf:
- Alltagssprache: Träger von Informationen (Zeitung, TV, Internet)
- Kunstgeschichte: Material des Künstlers (Öl auf Leinwand)
- Esoterik: Person als Mittler zur Geisterwelt
- Technik: Übertragungskanal (Datenmedium, Speichermedium)
Der Medienbegriff ist bewusst multidiskursiv und nicht auf eine einzige Definition festzulegen. Die Vorlesung arbeitet mit dieser Vieldeutigkeit als analytischer Ressource.
Luhmann: Medien als Voraussetzung von Wahrnehmung
Niklas Luhmann stellt in seiner Systemtheorie eine radikale These auf: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien. Medien sind kein neutrales Durchgangsmedium – sie konstituieren erst, was wir wahrnehmen können. Dieses mediale Apriori bedeutet:
- Medien formen unsere Wirklichkeitskonstruktion
- Ohne Medien kein gesellschaftliches Wissen
- Massenmedien schaffen und reproduzieren gesellschaftliche Realität
Luhmanns Kernaussage: Medien sind nicht nur Transportmittel für Inhalte, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation überhaupt.
McLuhan: "The medium is the message"
Marshall McLuhan (1964, Understanding Media) entwickelt die einflussreichste These der Medientheorie:
Das Medium selbst ist die eigentliche Botschaft – nicht der transportierte Inhalt. Das Medium prägt:
- unsere Wahrnehmungsstruktur
- gesellschaftliche Ordnung und Kommunikationsformen
- wie Menschen die Welt erleben
Medien als Extensions of Man (Verlängerungen des Menschen):
- Rad → Verlängerung des Fußes
- Buch → Verlängerung des Auges
- Kleidung → Verlängerung der Haut
- Elektrische Medien → Verlängerung des Nervensystems
McLuhan ist Technikdeterminist: Die Technologie des Mediums bestimmt gesellschaftliche Strukturen, nicht der Inhalt. Diese These ist bis heute umstritten, aber zentral für die Medientheorie.
Merkhilfe: Stell dir vor, ob eine Nachricht per Brief, SMS oder persönlich übermittelt wird – der Inhalt ist gleich, aber die Wirkung unterscheidet sich völlig. Das Medium selbst kommuniziert etwas.
Kittler vs. McLuhan: Zwei Linien der Medientheorie
Die Vorlesung unterscheidet zwei Grundhaltungen:
| McLuhan (anthropologisch) | Kittler (technologisch) | |
|---|---|---|
| Fokus | Mensch im Mittelpunkt | Technik im Mittelpunkt |
| Medien als... | Erweiterungen des Menschen | Eigenständige technische Systeme |
| Blick auf Technik | Technik dient dem Menschen | Technik formt den Menschen |
| Ansatz | Kulturkritisch-humanistisch | Strukturalistisch-technisch |
Burkhardt (2015) ergänzt mit dem Konzept medialer Konfigurationen: Medien formen ihre Inhalte durch ihre eigene Materialität und Kulturtechnik.
Klassifikation von Medien: 5 Perspektiven
Medien können unter dem Oberbegriff Mitte/Vermittelndes aus fünf verschiedenen Perspektiven klassifiziert werden:
1. Wahrnehmungsmedien (nach Sinnen/Kanal)
- Auditiv (Hören): Radio, Podcast
- Visuell (Sehen): Buch, Plakat, Film
- Audiovisuell: Fernsehen, Video
- Haptisch (Tasten): Braille-Schrift
- Olfaktorisch (Riechen): Duftmarketing
2. Technische Speicher-/Verarbeitungsmedien (nach Technikeinsatz)
Das Modell von Pross (1972) und Faßler (2003) gliedert in vier Stufen:
| Kategorie | Technik | Beispiele |
|---|---|---|
| Primär | Keine Technik | Sprache, Gestik, Mimik |
| Sekundär | Nur Produktion | Buch, Zeitung, Plakat |
| Tertiär | Produktion + Rezeption | Radio, TV, Telefon |
| Quartär | Netzwerk + Rückkanal | Internet, Social Media |
Die 4-Stufen-Klassifikation Primär/Sekundär/Tertiär/Quartär ist klausurrelevant. Primärmedien brauchen KEINE Technik; bei Sekundärmedien braucht nur der Produzent Technik; bei Tertiärmedien brauchen BEIDE Technik; Quartärmedien ermöglichen variablen Rollentausch.
3. Semiotische Kommunikationsmittel (nach Zeichensystem)
Klassifikation nach Zeichensystem und Bedeutung (wird in der nächsten Sitzung vertieft):
- Schrift, Bild, Zahl, Ton
4. Medienformen und Formate
- Buch, Zeitung, Film, Serien, Radiosendung, Game…
5. Gesellschaftliche Funktionen (nach Saxer)
- Information: Nachrichtenversorgung der Öffentlichkeit
- Sozialisation/Orientierung: Wertevermittlung, gesellschaftliche Integration
- Unterhaltung/Rekreation: Entspannung, Eskapismus
- Integration/Legitimation: Bildung von Öffentlichkeit, demokratische Funktion
- Speicher/Kulturerbe: Gedächtnis der Gesellschaft
Leitmedien
Nach Jürgen Wilke sind Leitmedien diejenigen Einzelmedien, denen eine Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt und die einen besonders starken Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf andere Massenmedien ausüben.
Historische Entwicklung der Leitmedien:
| Epoche | Leitmedium |
|---|---|
| Mittelalter und frühe Neuzeit | Flugschrift |
| Ab 16. Jahrhundert | Buch |
| Ab 19. Jahrhundert | Zeitung |
| 1930er–1950er Jahre | Hörfunk |
| Ab 1960er Jahre | Fernsehen |
| Beginn 21. Jahrhundert | Fernsehen + Internet |
Leitmedien lösen sich nicht gegenseitig ab, sondern ergänzen sich. Ältere Medien übernehmen neue Rollen, wenn ein neues Leitmedium entsteht.
Zusammenfassung: Wie lassen sich Medien beschreiben?
Die Vorlesung schließt mit fünf Kernthesen:
- Wahrnehmungsvermittler: Alles, was wir wissen, wissen wir über Medien (Luhmann)
- Technische Speicher- und Verbreitungsmittel: Medien überbrücken Raum und Zeit
- Semiotische Kommunikationsmittel: Medien übermitteln mit Zeichen und Symbolen Bedeutung
- Kulturtechniken: Medien erlegen dem Inhalt ihre Formen und Gebrauchsweisen auf
- Gesellschaftliche Systeme: Medien haben weitreichende individuelle und gesellschaftliche Funktionen (Vernetzung, Öffentlichkeit, kulturelles Gedächtnis)