Zusammenfassung
Diese Vorlesung führt in die Grundlagen der Kommunikationswissenschaft ein. Nach einer kurzen Wiederholung des Medienbegriffs (Luhmann, McLuhan, Kittler vs. McLuhan) wird der Kommunikationsbegriff eingeführt und hierarchisch differenziert (nach Merten). Die Vorlesung behandelt klassische Kommunikationsmodelle (Shannon & Weaver, Harrison), die Lasswell-Formel sowie Grundzüge der Semiotik (semiotisches Dreieck nach Eco). Im zweiten Teil stehen Massen- vs. Individualkommunikation und die Besonderheiten computervermittelter Kommunikation (CvK) im Mittelpunkt, einschließlich früher Theorien wie der Theorie der sozialen Präsenz, dem Reduced-Social-Cues-Modell und dem Media-Richness-Modell.
Schlüsselbegriffe
Kommunikation (weiter Sinn)
Alle Prozesse der Informationsübertragung – bezieht technische, psychische, physische und soziale Systeme mit ein.
Kommunikation (enger Sinn)
Ein Vorgang der Verständigung und Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen; soziologisch eine Form sozialen Handelns mit subjektivem Sinn (vgl. Pürer 2001: 2–4).
Massenkommunikation
Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden (Maletzke 1998: 45).
Individualkommunikation
Kommunikationsform, bei der einzelne Individuen miteinander kommunizieren; bidirektionaler Informationsfluss, alle Teilnehmer sind bekannt und zugleich Sender und Empfänger (vgl. Merten 1977: 118).
Computervermittelte Kommunikation (CvK)
Alle kommunikativen, sozialen Austauschprozesse, die durch einen Computer als vermittelndes, technisches Medium stattfinden (CMC – Computer-Mediated Communication); vgl. Misoch 2006.
Semiotik
Wissenschaft bzw. Lehre der Zeichen und Zeichensysteme (aus dem Griech. für 'Zeichen', 'Signal'). Zentral: Syntax (Inhalt/Struktur), Semantik (begleitende Bedeutung) und Pragmatik (kontextabhängiger Zweck). Begründer u.a. Ferdinand de Saussure (vgl. Nöth 2000: 62–63).
Lasswell-Formel
'Who says what in which channel to whom with what effect?' – beschreibt die fünf Dimensionen der Massenkommunikation und die entsprechenden Forschungsfelder: Kommunikatorforschung, Inhaltsanalyse, Medienanalyse, Rezipientenforschung, Medienwirkungsforschung (Lasswell 1948).
Semiotisches Dreieck
Modell nach Eco (1977): Symbol steht für Ding, erweckt Begriff. Dinge, Begriffe und Symbole/Worte sollen für Sender und Empfänger deckungsgleich sein – sonst kommt es zu Fehlkommunikation.
Media-Richness-Modell
Eine Theorie, die besagt, dass sich Medien in ihrer Fähigkeit, reichhaltige Informationen (wie Gestik, Mimik und Tonfall) zu übertragen, unterscheiden, wobei Face-to-Face am reichhaltigsten ist.
Reduced-Social-Cues-Modell
Ein theoretischer Erklärungsansatz, der besagt, dass das Fehlen sozialer Hinweisreize (z. B. Statussymbole, Mimik) in digitaler Kommunikation zu enthemmtem oder unpersönlicherem Verhalten führen kann.
1. Wiederholung: Was sind Medien?
- Medium (lat.) = Mitte, Vermittelndes – etwas, das in der Mitte steht (Beck 2020: 86)
- „Medien" als Gesamtheit aller Kommunikationsmittel und -organisationen (seit den 1980er Jahren)
- Der Medienbegriff ist ein multidiskursives Konzept: viele Disziplinen, viele Definitionen
Luhmann: Das Reale ist nicht immer direkt zugänglich → Medien als notwendige Vermittler zwischen Individuum und Gesellschaft → mediales Apriori
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien." (Luhmann 1996: 9)
McLuhans zwei Kernthesen:
- Extension of man: Medien sind neurophysiologische Erweiterungen des Menschen. Jede Extension bringt zugleich eine Amputation (alte Fertigkeiten verkümmern).
- The medium is the message: Medien prägen durch ihre technische und symbolische Form unser Bewusstsein – der Inhalt ist zweitrangig, zentral ist die Form.
Streitfall: Technik vs. Mensch
| Technologischer Ansatz (Kittler) | Anthropologischer Ansatz (McLuhan) |
|---|---|
| Medientechnologien bestimmen unsere Wahrnehmung | Alles geht vom Menschen als Subjekt aus |
| „Medien bestimmen unsere Lage." / „Alles ist Hardware." | „Medien sind Extensionen des Menschen." |
| Die Technik bestimmt die kulturelle Praxis. | Technik ist Resultat menschlicher Praxis. |
Mediale Konfigurationen: Die entscheidende Frage ist nicht nur „Was sind Medien?", sondern: „Welche Möglichkeiten werden durch Medien eröffnet – und wie werden diese genutzt?" (vgl. Burkhardt 2015: 33–36)
Klassifikationen von Medien (nach Schmidt 2018 / Überblick):
| Perspektive | Klassifikation |
|---|---|
| Wahrnehmungsmedien | Auditiv, Visuell, Audiovisuell, Haptisch, Olfaktorisch |
| Techn. Speicher-/Verarbeitungsmedien | Primär (ohne Technik), Sekundär (Produktion), Tertiär (Prod.+Rezeption), Quartär (Rückkanal) |
| Semiotische Kommunikationsmittel | Schrift, Bild, Zahl, Ton |
| Medienformen & Formate | Buch, Zeitung, Film, Serien, Radio, Game… |
| Gesellschaftliche Funktionen | Information, Unterhaltung, Öffentlichkeit, Speicher/Kulturerbe |
2. Was ist Kommunikation?
„Kommunikation ist ein komplexer interaktiver Prozess, der einerseits zwischenmenschlich, und andererseits medienvermittelt erfolgen kann. (...) Kommunikation meint demnach Informationsübertragung und Bedeutungszuweisung im weiteren Sinne, im engeren Sinne aber auch zwischenmenschliche Kontaktaufnahme und kann als eine wichtige Kategorie sozialen Handelns beschrieben werden. Kommunikation ist verbale oder nonverbale Interaktion, die durch Zeichen und Symbole vermittelt wird." (vgl. Pürer 2001: 2)
Hierarchische Unterscheidung nach Merten (1977: 94ff):
- Subanimalische Kommunikation: Zwischen Organismen (technisch/naturwissenschaftlich, z. B. zwischen Substanzen)
- Animalische Kommunikation: Zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier
- Humankommunikation: Unter Menschen (verbal & nonverbal)
- Massenkommunikation: Besondere Form der Humankommunikation, auf technische Medien angewiesen
Kommunikation im weiten vs. engen Sinn:
- Weiter Sinn: Alle Prozesse der Informationsübertragung (technische, psychische, physische, soziale Systeme)
- Enger Sinn: Vorgang der Verständigung und Bedeutungsvermittlung zwischen Lebewesen; Form sozialen Handelns mit subjektivem Sinn – bezieht sich auf Denken, Fühlen, Handeln
Klausurrelevant
Auch der Begriff der Kommunikation ist ein multidiskursives Konzept. In der Kommunikationswissenschaft unterscheidet man zwischen Individualkommunikation, Massenkommunikation und computervermittelter Kommunikation (CvK/CMC).
3. Massenkommunikation
„Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich (ohne begrenzte und personell definierte Empfängerschaft) durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt (bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz) und einseitig (ohne Rollenwechsel) an ein disperses Publikum vermittelt werden." (Maletzke 1998: 45)
Beispiele: Printmedien (Buch, Zeitung, Magazin), Film, Hörfunk, Fernsehen, Speichermedien (DVD, Blu-ray), Webseiten & Apps, Soziale Netzwerke
Probleme der Massenkommunikation:
- Fehlende Auswahl der Empfänger: Rezipient:innen nicht im Vorhinein festgelegt, räumlich verstreut, Anzahl prinzipiell unbegrenzt
- Das disperse Publikum ist kein andauerndes soziales Gebilde: anonym, unstrukturiert, unorganisiert, inhomogen (vgl. Maletzke 1963: 32)
4. Individualkommunikation
Als Individualkommunikation bezeichnet die Kommunikationswissenschaft eine Form, bei der einzelne Individuen miteinander kommunizieren. Der Informationsfluss ist bidirektional (nicht unidirektional). Alle Teilnehmer sind bekannt und zugleich Sender und Empfänger (vgl. Merten 1977: 118).
Beispiele: Face-to-Face-Gespräche, Telefonat, Zoom-Call, Brief, E-Mail, SMS, WhatsApp, Chat
5. Kommunikationsmodelle
Shannon & Weaver – Sender-Empfänger-Modell (1948)
Das nachrichtentheoretische Kommunikationsmodell (Mathematische Informationstheorie): Informationsquelle → Sender (kodiert) → Signal → (Noise Source) → empfangenes Signal → Empfänger (dekodiert) → Ziel. Begründete die Informationstheorie.
Harrison – Adaption mit Feedback (1995)
Harrison erweitert das Modell um menschliche Störfaktoren (Noise auf jeder Ebene) und das Feedback als kommunikativen Rückkanal: Sender → encoding → Medium/Botschaft → decoding → Receiver → feedback → Sender.
Gemeinsames Code-System
Sender und Empfänger benötigen ein gemeinsames Code-System für erfolgreiche Kommunikation. Der Schnittmenge zwischen beiden entspricht das geteilte Verständnis (vgl. Gust 2020: 23). Worte haben eine gelernte, aber teils individuelle Bedeutung – sie kreieren persönliche Gefühle, Bilder und Assoziationen.
6. Semiotik
Semiotik = Wissenschaft der Zeichen und Zeichensysteme (Griech. semeion = Zeichen). Zeichen bestehen aus Icons, Symbolen oder Schrift. Wichtigster Begründer: Ferdinand de Saussure.
| Dimension | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Syntax | Inhalt des Zeichens und Verbindung zu Sätzen (Was sieht man? Welche Regeln?) | Satzstruktur |
| Semantik | Begleitende Bedeutung (Was bedeutet Farbe, Form?) | Pfeil als Richtungsweiser |
| Pragmatik | Kontextabhängiger Zweck (Welchen Zweck hat das Zeichen in dieser Situation?) | Stoppschild beim Fahren |
Das semiotische Dreieck (Eco 1977: 30):
- Ding: Tatsächliche, reale Gegenstände/Sachverhalte – „Was Sache ist."
- Begriff: Das mentale Bild, das wir vom Ding haben – „Was wir meinen."
- Symbol: Die Zeichen/Worte, mit denen wir über das Ding sprechen – „Was man dazu sagt."
Symbol steht für Ding; Ding erweckt Begriff; Begriff bezieht sich auf Ding. Stimmen Ding, Begriff und Symbol nicht überein → Fehlkommunikation.
7. Die Lasswell-Formel
„Who says what in which channel to whom with what effect?" (Lasswell 1948: 32–51)
| Wer | Was | Kanal | Wem | Effekt |
|---|---|---|---|---|
| Kommunikator, Sender, Produzent, Quelle | Kommunikat, Information, Botschaft, Content | Medium, Kanal, Distribution | Kommunikand, Empfänger, Rezipient, Publikum | Wirkung, Effekt |
| Kommunikatorforschung | Inhaltsanalyse | Medienanalyse | Rezipientenforschung | Medienwirkungsforschung |
Klausurrelevant
Kommunikation ist ein Austausch von Informationen bzw. ein Herstellungsprozess von geteilter Bedeutung, der auf Zeichen und Symbolen beruht. Sie braucht immer ein Medium. Kommunikation – auch die von Angesicht zu Angesicht – ist daher immer medial vermittelt!
8. Online-Kommunikation & CvK
Definition computervermittelte Kommunikation (CvK / CMC)
Alle kommunikativen, sozialen Austauschprozesse, die durch einen Computer als vermittelndes, technisches Medium stattfinden. Auf beiden Seiten (Sender & Empfänger) wird ein digitales Endgerät zur En- und Dekodierung verwendet. (vgl. Misoch 2006: 56–62)
5 Spezifika der CvK nach Misoch, die sie von Face-to-Face unterscheiden:
- Entkörperlichung – Mensch unsichtbar; keine Gestik, Mimik, Alter/Geschlecht sichtbar
- Texttualität – Kommunikation primär via Text/Zeichen (kreativ: Emojis, Abkürzungen)
- Entzeitlichung & Enträumlichung – Ort und Zeitpunkt des Lesens/Schreibens können abweichen
- Entkontextualisierung – sozialer Kontext des Gesprächs fehlt
- Digitalisierung – Speicherungsprozesse und Informationsbeschleunigung
Einteilung von Online-Kommunikation
| One-to-One | One-to-Many | Many-to-Many | |
|---|---|---|---|
| Asynchron | E-Mail, SMS/WhatsApp, Brief | Websites, Blogs, Social Media Post, Zeitung, Radio & TV (aufgezeichnet) | Communities, Foren, Wikis |
| Synchron | Chat, VoIP (Skype, Facetime), Telefon | Twitch (live), Live-TV & Live-Radio, polit. Großveranstaltung | Live-Kommunikation zu Hashtags (X), Clubhouse |
(vgl. Misoch 2006: 56)
Frühe Theorien der CvK – Herausforderungen
| Theorie | Kernaussage | Bedeutung |
|---|---|---|
| Theorie der sozialen Präsenz | Soziale Präsenz in FtF-Kommunikation höher als digital | Wir sind empathischer, aufmerksamer, führen bessere Gespräche in Präsenz |
| Reduced-Social-Cues-Modell | Fehlende soziale Hinweisreize (Kleidung, Mimik, Gestik, Feedback) → Gespräch weniger sozial, zielorientierter (oft: kalt) | Wir sind eher bereit, negative Gefühle auszudrücken, auch wenn sie verletzen |
| Media-Richness-Modell | Medien unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, kommunikative Signale zu übermitteln | FtF ermöglicht Wort + Gestik + Mimik + Parasprache; Text nicht → Text-Kommunikation allein ist komplizierter |
Info
Diese drei Modelle sind frühe Theorien der CvK – sie werden heute durch neue Mittel (Emojis, Videotelefonie etc.) teilweise positiv beeinflusst, machen die Problematik aber nach wie vor sichtbar (vgl. Gust 2020: 37–41).
Weitere Herausforderungen der Online-Kommunikation
- Asynchrones und asymmetrisches kommunikatives Handeln (in Foren, Sozialen Netzwerken, Online-Communities)
- Entkopplung von Produktion und Rezeption → fehlender sozialer Kontext
- Anwesenheit in sozialem Kontext wird häufig nicht deutlich (z. B. Kommentarspalten)
(vgl. Burkhardt 2015: 33–36)
Schreiben vs. Sprechen: Charakteristika im Vergleich
| Merkmal | Sprechen | Schreiben |
|---|---|---|
| Teilnehmeranzahl | Dialog | Monolog |
| Haltbarkeit | flüchtig/Echtzeit | beständig/zeitunabhängig |
| Spezifität | eher vage | eher präzise |
| Satzlänge | kürzer | länger |
| Abkürzungen/Akronyme | selten | üblich |
| Vokabular | konkret, umgangssprachlich, Slang | abstrakt, literarisch, größere Wortwahl |
| Deixis | genutzt (Kontext gegeben) | vermieden (Kontext weniger gegeben) |
(vgl. Baron 2008: 47)
„The internet's language is 'a mixed modality', that blends elements of writing and oral language with features that are distinctive to this medium." (Nancy Baym, vgl. Baym 2010: 63)
Theorie der userorientierten Angemessenheit (Gust 2020: 137–141)
Modell für Online-Kommunikation via Social Media: Die Komplexität der Online-Kommunikation (Unternehmen als Absender, CvK-Spezifika) erfordert Vereinfachung & Unterhaltung, um individuelle Relevanz & Erwartungshaltung der User zu erfüllen → Ziel: Angesprochenheit, Nähe, Identifikation & Sympathie innerhalb von Sekunden.
Flashcards
Quiz
Was ist ein 'disperses Publikum' im Kontext der Massenkommunikation?
Was unterscheidet Harrisons Adaption des Shannon-Weaver-Modells?
Was besagt das Reduced-Social-Cues-Modell?
Welcher Dimension der Semiotik ist der kontextabhängige Zweck eines Zeichens in einer bestimmten Situation zuzuordnen?
Welche These vertritt Friedrich Kittler im technologischen Ansatz zum Medienbegriff?