Zusammenfassung
Diese Vorlesung untersucht die Konstruktion von sozialer Identität und das Aushandeln von Beziehungen in digitalen und sozialen Medien. Ausgehend von einem Vergleich des Interaktionsbegriffs in Soziologie und Informatik wird gezeigt, wie sich computervermittelte Kommunikation (CvK) von klassischem Gatekeeping zu dezentraler "Many-to-Many"-Kommunikation entwickelt hat. Das Fundament der sozialen Rollentheorie bildet die Dramaturgie nach Erving Goffman (Selbstpräsentation auf Vorder- und Hinterbühnen). Daran anknüpfend werden Techniken des Impression Managements analysiert. Abschließend wird die Struktur sozialer Netzwerke anhand der Kriterien für Social Networking Sites (SNS) nach Boyd & Ellison, Granovetters Konzept der Beziehungsstärke ("Strength of Weak Ties") und Milgrams Small-World-Phänomen erörtert.
Schlüsselbegriffe
Interaktion (Soziologie)
Prozess des wechselseitigen, aufeinander bezogenen Handelns zwischen Akteuren in körperlicher Kopräsenz und gegenseitiger Wahrnehmung (nach Jäckel 2005).
Interaktion (Informatik)
Die direkte Relation und der Dialog zwischen Mensch und Maschine (Human-Computer Interaction, HCI) zur Koordinierung von Operationen.
Impression Management
Die bewusste oder unbewusste Steuerung des Eindrucks, den andere von der eigenen Person, einem Unternehmen oder einem Ereignis in der sozialen Interaktion gewinnen.
Vorderbühne (Front Stage)
Der soziale Raum, in dem eine Person eine Rolle vor Publikum darstellt und dabei versucht, das Verhalten an gesellschaftliche Normen und Ideale anzupassen.
Hinterbühne (Back Stage)
Ein geschützter Bereich außerhalb des Publikumsblicks, in dem sich Darsteller entspannen, die Rolle ablegen und ein dem Vorderbühnenverhalten widersprechendes Verhalten zeigen können.
Social Networking Site (SNS)
Eine netzwerkbasierte Plattform, die Profile auf Basis von UGC, öffentlich artikulierte Verbindungen und die Interaktion mit Streams dieser Verbindungen ermöglicht (Boyd & Ellison 2013).
Schwache Beziehungen (Weak Ties)
Lose soziale Kontakte (nach Granovetter 1973), die sich durch geringe emotionale Intensität auszeichnen, jedoch essenziell sind, um neue Informationen über Netzwerkgrenzen hinweg zu verbreiten.
Small-World-Phänomen
Die von Stanley Milgram 1967 geprägte Erkenntnis, dass jeder Mensch über eine kurze Kette von durchschnittlich sechs persönlichen Kontakten (Six Degrees of Separation) mit jedem anderen Menschen weltweit verbunden ist.
Many-to-Many-Kommunikation
Ein Kommunikationsmuster, bei dem viele Sender gleichzeitig mit vielen Empfängern interagieren können, typisch für soziale Medien und Web 2.0-Plattformen.
Starke Beziehungen (Strong Ties)
Engmaschige soziale Bindungen (wie Familie oder enge Freunde), die durch hohe emotionale Intensität, Vertrauen und häufige Interaktion gekennzeichnet sind.
Kernkonzepte
1. Interaktion im Vergleich: Soziologie vs. Informatik
Der Begriff der Interaktion ist multidiskursiv und unterscheidet sich je nach Fachrichtung grundlegend:
- Interaktion in der Soziologie:
- Fokus liegt auf der Wechselwirkung zwischen Handelnden (zumeist Menschen).
- Nötige Bedingungen: Anwesenheit am selben Ort (Kopräsenz), gegenseitige Wahrnehmung, aufeinander abgestimmte Handlungen und Kommunikation zur Koordination.
- Interaktion in der Informatik:
- Fokus liegt auf der Relation zwischen Mensch und Maschine (HCI / MMI).
- Technik wird als handlungsfähiger Akteur verstanden.
- Achtung: Dies umfasst nicht die computervermittelte Kommunikation (CvK) zwischen Menschen über einen Computer (hier ist der Computer nur der Übertragungskanal).
Info
Bei digitaler Kommunikation zwischen Menschen tritt an die Stelle des physischen Raums ein digitales Endgerät (Smartphone, PC, Smartwatch). Die Interaktion findet soziologisch gesehen durch das Medium statt.
2. Das Web 2.0 & Plattformen (nach van Dijck)
Mit dem Übergang von der rein passiven Rezeption (Web 1.0) zur aktiven Produktion durch Nutzer entstand das Web 2.0 und damit der User-Generated-Content (UGC).
Das klassische Gatekeeping (Einwegkommunikation: Quelle $\to$ Journalismus $\to$ passive Nutzer) wurde durch die Internetöffentlichkeit abgelöst, in der eine offene, dezentrale "Many-to-Many"-Kommunikation dominiert.
Plattformen sind digitale Infrastrukturen, die diese Interaktionen strukturieren. Nach van Dijck (2018) beeinflussen sie das gesellschaftliche Leben auf drei Wegen:
- Konnektivität (Connectivity): Plattformen ermöglichen aktive Verbindungen zwischen Nutzern und Inhalten (z. B. durch algorithmische Empfehlungen).
- Programmierbarkeit (Programmability): Der Code und die Algorithmen leiten das Nutzerverhalten in bestimmte Bahnen (Gefahr der Entstehung von Filterblasen/Bubbles).
- Popularität (Popularity): Plattformen steuern durch algorithmische Kuration aktiv, welche Inhalte Sichtbarkeit und damit Popularität erlangen (oft getrieben durch ökonomische Interessen).
3. Die Theatertheorie von Erving Goffman (1959)
Goffmans dramaturgenorientierter Ansatz besagt: "Wir alle spielen Theater". Menschen nehmen in sozialen Situationen Rollen ein und nutzen Requisiten und ein standardisiertes Ausdrucksrepertoire (eine Fassade), um einen bestimmten Eindruck zu vermitteln.
- Zentrierte Interaktion: Akteure handeln aktiv miteinander und kooperieren (z. B. gemeinsam einen Kinderwagen in den Bus heben).
- Nicht-zentrierte Interaktion: Akteure sind kopräsent und nehmen einander wahr, richten ihr Verhalten aber nur passiv darauf aus (z. B. Warten an der Bushaltestelle).
- Vorderbühne vs. Hinterbühne:
- Auf der Vorderbühne präsentieren sich auch Ensembles (Teams) loyal und diszipliniert, um Gesichtsverlust (Blamage) zu vermeiden. Das Publikum schützt diese Darstellungen oft durch Takt (Facework).
- Auf der Hinterbühne (z. B. Kellner in der Restaurantküche) wird die Maske abgelegt; Gefühle wie Wut oder Erleichterung werden frei geäußert.
4. Impression Management & Selbstinszenierung im Netz
Das Steuern der Eindrücke und Wahrnehmungen anderer nennt Goffman Impression Management. Im digitalen Raum entstehen hierbei zwei Seiten des Selbst:
- Persönliche Identität: Die einzigartige Kombination individueller Eigenschaften.
- Soziale Identität: Die über soziale Rollen, Rahmen und Zuschreibungen von außen definierte Identität.
Selbstinszenierungstechniken im Netz lassen sich wie folgt einteilen:
| Ausprägung | Kurzfristig (Taktik) | Langfristig (Strategie) |
|---|---|---|
| Assertiv (aktiv durchsetzend, in Szene setzend) | Ein spektakuläres Selfie posten, um Likes zu generieren. | Aufbau einer professionellen "Personal Brand" auf LinkedIn. |
| Defensiv (schützend, klein machend, Rechtfertigung) | Entschuldigung oder Erklärung für einen misslungenen Post. | Pflegen eines dauerhaft zurückhaltenden, "nahbaren" Ritts auf Instagram. |
5. Soziale Netzwerke (SNS) vs. Social Media
Obwohl im Alltag oft synonym gebraucht, gibt es eine klare theoretische Abgrenzung (vgl. Decker 2022):
- Social Media: Virtuelle Plattformen zur Interaktion und zum Upload von User-Generated Content (UGC) im Allgemeinen.
- Social Networks (SNS): Stellen die Verbindungen und Beziehungen der Nutzer zueinander in den Vordergrund.
- Kriterien nach Boyd & Ellison (2013):
- Eindeutig identifizierbare Profile (UGC).
- Öffentlich artikulierte und traversierbare Verbindungen zu anderen.
- Konsum, Produktion und Interaktion mit Streams dieser Verbindungen.
- Kriterien nach Boyd & Ellison (2013):
Beziehungsstärken nach Mark Granovetter (1973)
Die Stärke einer Beziehung ("Tie Strength") in sozialen Netzwerken wird durch vier Faktoren bestimmt: gemeinsam verbrachte Zeit, emotionale Intensität, Grad des Vertrauens und Reziprozität.
- Starke Beziehungen (Strong Ties): Engmaschiges Beziehungsnetz (Familie, enge Freunde). Hohe Motivation zum Wissensaustausch, aber geringer Informationsfluss nach außen.
- Schwache Beziehungen (Weak Ties): Weitmaschiges Netz (Bekannte). Sie fungieren als essenzielle Brücken, um Informationen über Netzwerkgrenzen hinweg zu transportieren und größere soziale Distanzen zu überwinden.
Lernkarten
Übungsfragen
Welche soziologische Bedingung ist für eine klassische Interaktion nach Jäckel zwingend erforderlich, fehlt jedoch bei der CvK?
In welche Kategorie der 2D-Klassifikation von Kaplan & Haenlein fallen Blogs hinsichtlich Self-Presentation und Media Richness?
Was besagt das Small-World-Phänomen von Stanley Milgram?
Welche Art von Selbstdarstellungstaktik ist das Posten eines spektakulären Selfies für Likes laut dem Impression Management?
Welches Element gehört NICHT zu den vier Faktoren, die Granovetter zur Bestimmung der Beziehungsstärke (Tie Strength) heranzieht?